Das Fahrzeug nähert sich im Bummeltempo einer virtuellen Kreuzung. „Stop“ gebietet das Verkehrszeichen, das dort aufgestellt ist. Doch statt anzuhalten beschleunigt der – ebenfalls virtuelle – Wagen auf 45 Meilen pro Stunde. Ein Crash bleibt natürlich aus, denn die Forscher der University of Washington in Seattle hatten darauf verzichtet, eine komplette virtuelle Kreuzung zu schaffen. Ihr Ziel erreichten sie auch so. Sie wollten herausfinden, wie autonom fahrende Autos auf Verkehrszeichen reagieren, die leicht verfremdet sind.

Beschleunigen statt anzuhalten

Das kommt gar nicht so selten vor. Selbst ernannte Witzbolde kleben schon mal Zettel drauf. In den USA beispielsweise „Love“ über und „Hate“ unter „Stop“, was die grammatikalisch falsche Botschaft (Love Stop Hate“ ergibt. Menschen haben kein Problem damit, die Bedeutung des verfremdeten Schildes zu erkennen. Die Mustererkennung an Bord autonom fahrender Fahrzeuge schon. Das beklebte Stop-Schild interpretierte sie zu 100 Prozent als Geschwindigkeitsbegrenzung. Dabei hatten Yoshi Kohno, Computer- und Ingenieurswissenschaftler an der Hochschule in Seattle, und sein Team den Kameras im Fahrzeug die Möglichkeit gegeben, das Schild aus unterschiedlichen Entfernungen und Blickwinkeln aufzunehmen.

Bei Farbvarianten ist das System überfordert

Geirrt hatte der so genannte Classifier, die dem menschlichen Gehirn nachempfunden ist, aber bei weitem nicht dessen Leistung erbringt. Er hat die Aufgabe, die Bedeutung der Verkehrszeichen zu erkennen, die dann in Steuerbefehle für das Fahrzeug umgesetzt werden. Das gelingt perfekt bei Schildern, die nicht verunreinigt sind. Ansonsten kommt es zu manchmal fatalen Irrtümern, etwa bei Abbiegegeboten. In den USA sind das gelbe Tafeln mit schwarzen Pfeilen, die die Richtung angeben, die das Fahrzeug zu nehmen hat.

Forscher fordern zusätzliche Sicherheitstechnik

Das Team druckte ein solches Schild aus. Der Pfeil war jedoch nicht, wie beim Original, rein schwarz, sondern bestand aus Pixeln, die eine Verschmutzung simulieren sollten. Insgesamt wirkte er anthrazitfarben, was das menschliche Gehirn nicht irritierte. Die Bilderkennung- und -auswertung des autonom fahrenden Wagens schon. In 66 Prozent der Tests interpretierte sie das manipulierte Schild als Stop-Zeichen, in den restlichen Fällen als Hinweis auf eine zusätzliche Fahrspur. Die erste Fehlinterpretation könnte zu einem Verkehrsstau führen. Die zweite endet möglicherweise mit einem Sturz in den Straßengraben.
Die Forscher schwiegen darüber, welche Systeme sie getestet haben. Ihr Resümee: Es sind neben dem Classifier zusätzliche Systeme nötig, um folgenschwere Irrtümer zu vermeiden.

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2 Kommentare

  1. Findus

    12. August 2017 at 16:06

    Warum nicht einfach die jeweiligen Straßenschilder virtuell im Navigationssystem integrieren?
    Das autonome Fahrzeug braucht meines Wissens nach doch sowieso Hilfe von satellitengestützer Navigation.
    Und selbst wenn nicht, ist es kein Hexenwerk diese auch noch nebenbei laufen zu lassen.
    Somit wäre das System nicht mehr nur auf die optische Auswertung angewiesen, sondern weiß schon vorher genau, wie es sich wo verhalten muss.

    Auch Baustellen dürften sich dadurch besser regulieren lassen, indem man bestimmte Abschnitte einfach sperrt und sich die Fahrzeuge eigenständig eine Alternative suchen. Natürlich erst dann, wenn man dann Faktor „Mensch“ außen vor lassen kann, also nur noch autonom gefahren wird und sich die Fahrzeuge untereinander organisieren. Das würde Geld und Zeit sparen und wäre sicherer als die bisherigen Lösungen.

  2. berndamsee

    20. August 2017 at 00:58

    Für mich wieder ein schönes Beispiel gezielter Desinformation. Nicht nur, dass sie nicht angeben welches System getestet wurde, wollen sie uns glauben machen, dass bei kleinsten Störungen Schilder nicht mehr korrekt erkannt werden!

    Gerade das STOP-Schild mit seiner charakteristischen 8-eckigen Form – es gibt sonst kein Strassenschild mit dieser Form – und den Farben rot und weiss, sowie dem Text STOP soll nicht erkannt werden?

    Eine Auflage an Programmierer ist ja gerade die eindeutige Erkennung von Schildern bei schlechten Sichtverhältnissen (zB bei Regen, Schnee, Nebel, Nacht, Verschmutzung) …

    Und ich schliesse mich da voll dem Vorredner an, Schilder sind in einer autonomen ‚Fahrwelt‘ a la long gar nicht mehr notwendig, wie schon geschrieben, können diese Infos per GPS mitgeschickt werden.

    Die wirkliche ‚Beschränkung‘ besteht doch in den Gehirnen der Menschen, aber nicht der Maschinen. Als wären wir so absolut fehlerfrei.

    LG Bernd

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