Dass die Chinesen schon immer einiges drauf hatten, wenn es um Elektronik geht, dürfte wohl nicht zur Debatte stehen. Der Autor eines Artikels für die renommierte Zeitung New York Times stellt aber eine gewagte These auf: Nach der Analyse von Paul Mozur ist die chinesische Technologiebranche der US-amerikanischen in Sachen Innovation und Modernität inzwischen um einiges Voraus. Diese These untermauert Mozur mit handfesten Argumenten.


Flagge China
Foto: Alexander Trisko

China kopiert schon lange nicht mehr

Bisher war die chinesische Technologiebranche als „Kopierer-Branche“ verschrieen, die vor allem durch billigere Kopien von Produkten aus den USA oder Europa floriert. Inzwischen jedoch ist das schon lange nicht mehr der Fall. Chinas Technologie-Sektor hat in der Vergangenheit durchaus gezeigt, dass er zu eigenen Innovationen in der Lage ist. Besonders der Mobilfunkbereich und insbesondere das Unternehmen Huawei zeigen, dass China sich nicht mehr verstecken muss. Teilweise werden Apps und Technologien in den USA und Europa inzwischen von chinesischen Produkten inspiriert – ein gutes Beispiel ist die Facebook-Messenger-App, die eindeutig von der chinesischen App WeChat inspiriert wurde.

Paul Mozur führt noch andere Beispiele an, die zeigen sollen, dass China inzwischen die Nase vorn hat:


  • Die chinesischen Apps WeChat und Alipay haben geschafft, woran Facebook noch arbeitet: Mit ihnen können Zahlungen geleistet und Geld transferiert werden.
  • Generell ist China was die Nutzung von Smartphones angeht weiter als der Rest der Welt: Mit den Geräten werden Rechnungen bezahlt, Dienstleistungen bestellt, Verabredungen getroffen und ähnliches. Auch der Bereich mobile Zahlungen ist in China generell weiter entwickelt als in den USA.
  • Die Flirtapp Momo aus China produzierte schon Dates, bevor die Idee für Tinder überhaupt geboren war.
  • Die App WeChat integrierte mehrere Funktionen, die andere Apps wie WhatsAp, Snapchat und Facebook nur teilweise und erst später einfügten.

Das Smartphone als Lebensmittelpunkt

Es gibt eine Vielzahl an Chinesen, die überhaupt keinen Computer benutzen. Das Smartphone ist aber für 600.000 chinesische Bürger die zentrale Schaltzentrale in ihrem Leben. Das fördert insbesondere die Verbreitung mobiler Dienste enorm. Die Zeiten, als China das iPhone oder soziale Netze kopierte, um den Anschluss nicht zu verlieren, sind vorbei. Aber bedeutet das wirklich, dass China inzwischen die Nase vorn haben werden?

Internetzensur hemmt Innovation

Es gibt in jedem Fall auch weiterhin Bereiche, in denen China nicht das Maß aller Dinge ist. Server- und Computertechnik basiert in den meisten Fällen noch auf amerikanische oder europäische Technologien, autonomes Fahren in China kann mit der Konkurrenz von Google nicht mithalten, und die strengen Regelmentierungen im chinesischen Internet bremsen die ein oder andere Entwicklung aus.

Was nicht negiert werden kann, ist, dass China im Technologiesektor mächtig angezogen hat. Bedeutet das, dass das amerikanische Silicon Valley inzwischen das Nachsehen hat? Nicht unbedingt. Ein großer limitierender Faktor für die chinesische Tech-Branche im Bereich Dienste und Software stellt weiterhin die Reglementierung des Internets durch die Regierung da. Konkurrenz belebt das Geschäft, und der Wille, besser als andere Anbieter zu sein, übt auf junge wie alteingesessene Unternehmen immensen Innovationsdruck aus. Dieser entfällt aber, wenn viele Dienste anderer Anbieter überhaupt nicht erreichbar sind (bestes Beispiel: Google).

Jedoch beginnen auch chinesische Unternehmen, aus der Blase des chinesischen Internets heraus zu expandieren. Die App WeChat soll nun nach Afrika kommen und dort gegen WhatsApp antreten. Und hat dabei recht gute Chancen, weil sie weitreichende Zahlungs- und Buchungsoptionen bietet. In Afrika fehlt es an Banken, Geldautomaten und generell Infrastruktur im Finanzsektor, was WeChat einen gehörigen Vorsprung gegenüber der Konkurrenz geben könnte.

Konkurrenz aus China ist gut für den Konsumenten

Chinesische Hardware ist derweil weltweit gefragter denn je. Ein gutes Beispiel ist die Firma Huawei. Deren Smartphones und Tablets sind schon lange kein billiger Abklatsch mehr, sondern es handelt sich um qualitativ hochwertige Hardware, die stark nachgefragt wird. Und auch andere chinesische Hardware-Firmen florieren, was nicht mehr nur am Preis, sondern auch an der Qualität liegt.

Ob die chinesische Tech-Industrie die amerikanische inzwischen abgehängt hat, kann bezweifelt werden. Dagegen spricht vor allem, dass jeder neue chinesische Dienst sich in einer Art „Internetblase“ entwickelt. Aber China bietet dennoch zunehmend gute Voraussetzungen für Startups, und der immer größere Erfolg chinesischer Produkte ist letztlich ein doppelter Vorteil für den Konsumenten: Zum einen steigt die Auswahl für ihn, und zum anderen steigt mit der Konkurrenz auch der Druck auf amerikanische und europäische Unternehmen, was letztlich zu mehr Innovation und besseren Preisen führen wird.

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