Die Bundesregierung möchte bis 2021 fünf Milliarden Euro in den Ausbau des digitalen Unterrichts investieren. In spätestens fünf Jahren sollen alle Schulen in Deutschland mit schnellem Internet, Wlan und Computern ausgestattet sein. Im Gegenzug sollen die Bundesländer jedoch verpflichtet werden, ihre Lehrkräfte fit für das digitale Zeitalter zu machen. In einigen Schulen findet bereits ein Umbruch statt. Um den neuen Herausforderungen gewachsen zu sein, benötigen vor allem Lehrer älteren Semesters dringend Nachhilfe. Diese erhalten sie teilweise sogar von ihren Schülern.


Teacher with students in class using digital tablet

Weiterbildung für Lehrer

Die wenigsten Schüler aus der fünften Klasse haben schon Naturphänomene, wie diese beispielsweise im Geografie-Unterricht vermittelt werden, live gesehen. Dank der Technik ist das jedoch kein Problem. Nachdem die Themen in der Theorie mit dem Lehrer besprochen wurden, geht es rüber zu Youtube um sich dann beispielswiese eine echte Lawine anzuschauen. Danach beginnt die Analyse der Größe, der Kraft und der sich daraus ergebenden Gefahren. Einige Schulen, die schon sehr weit in das digitale Zeitalter vorangeschritten sind, ermöglichen dann auch schon den Blick durch eine VR-Brille, um das Lernen noch attraktiver zu gestalten. Lehrer der alten Schule sind nicht gerade begeistert vom Einsatz der „neumodernen“ Technologie. Es führt auf lange Sicht gesehen jedoch kein Weg daran vorbei.


Es ist schon längst keine Frage mehr nach dem „ob“, sondern eher nach dem „wie“. Wieviel digitale Medien sind im Schulunterricht noch in Ordnung und was sprengt den Rahmen? Dieser Frage geht man vermehrt auch im Rahmen von Weiterbildungen und Fachkongressen nach. So veranstalteten der BLLV, die Universität Augsburg und der Verband Bildungsmedien e. V. an der Universität Augsburg am 5. Oktober 2016 erst einen Fachkongress für Lehrerinnen und Lehrer. Dieser befasste sich mit dem Thema Digitalisierung im Alltag und wie diese auch nicht vor den Schulen halt macht. Zum einen wurden die Teilnehmer über die Digitalisierung in unserer Welt im Hinblick auf die Bildung, Schulen und der professionellen Rolle der Lehrerin und des Lehrers aufgeklärt und zum anderen wurde auch eine Schnittstelle zwischen Schulen und Praktiker geschaffen, die Anwendungsmöglichkeiten digitaler Medien in der Schule vorstellten. Auch Gefahren und die Grenzen der Digitalisierung in Schulen wurden skizziert. Ein Szenario, welches wir in Zukunft noch viel intensiver erleben werden. Die Lehrer von heute und morgen müssen schließlich am Zahn der Zeit bleiben, um schon allein nicht das Gesicht vor der Generation der „Digital Natives“ zu verlieren.

Digitalisierung: Wenn Schüler ihren Lehrern Nachhilfe geben

Ein weiterer recht spannender Ansatz der Lehrerweiterbildung ist das Lernen von den Schülern. In einigen Schulen Deutschlands ist die Zukunftsvision von Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) bereits Alltag. Hier bringen die Schüler morgens ihr Laptop und Smartphone mit in den Unterricht. Die Geräte sind in den Schulen erlaubt und die Kinder vermitteln dann auch teilweise den Lehrern, wie die Geräte noch besser genutzt werden können. Dabei schlüpfen die Kids auch kurzzeitig in die Rolle der Lehrer, ein Zugewinn für beide Parteien. Die Voraussetzung hierfür ist jedoch, dass auch eine Bereitschaft besteht, sich von seinen Schülern unterrichten zu lassen. Auch beim Nachhilfe-Angebot hat sich einiges getan. Online-Plattformen entlasten Lehrer, die nach Schulschluss noch Sonderstunden für lernschwächere Schüler einberufen. Die Schüler können dank der großen Auswahl digitaler Nachhilfe, die unter anderem das bekannte Portal learnattack bietet, auch nach dem Unterricht noch zielführend pauken und somit ihre Noten verbessern. Die Digitalisierung bringt somit durchaus Vorteile mit.

Schüler schulen ihre Lehrer im Umgang mit dem PC, erklären verschiedene Programme und auch Apps und zeigen, wie man auf den Webseiten der Gymnasien bloggen kann. Vorreiter ist dabei das Otto-Nagel-Gymnasium im Berliner Stadtteil Marzahn. Als die Nachhilfe im Fach „Digitalisierung“ 2013 eingeführt wurde, war das für viele Lehrer zunächst ungewohnt. Und auch die Schüler mussten sich an die „Lehrer-Rolle“ gewöhnen und waren anfangs genauso aufgeregt, wie ein junger Lehrer, die seine erste Unterrichtsstunde antritt. Nach kurzer Zeit funktionierte die Zusammenarbeit jedoch ziemlich gut. Und so kommen die Lehrer des Berliner Gymnasiums auch außerhalb der Weiterbildungen auf die Schüler zu, um Probleme mit dem Computer und Co gemeinsam beheben zu können.

Schüler kompensieren Netzwerkbetreuer

Das Miteinander zwischen Schüler und Lehrer im Hinblick auf die Digitalisierung funktioniert so gut, dass das Otto-Nagel-Gymnasium auch bisher noch keinen eigenen Netzwerkbetreuer benötigte. Diese werden erst ab 850 Schülern vom Land bezahlt. Die Schule liegt knapp unter der Hürde. Somit sorgen die Schüler auch mit den Weiterbildungen und den Technik-Kenntnissen dafür, dass der digitale Unterricht in der Schule funktionieren kann. Das Feedback der Schüler lautet, dass diese nun durch den Einsatz der Technik per se nicht mehr lernen als früher, allerdings mache es viel mehr Spaß.

Technik allein verändert noch nichts

Im Kern verändert die beste Technologie jedoch nichts, wenn diese falsch eingesetzt wird. Da sind sich Experten und Schulleiter einig. So müsse sich der Unterricht auch maßgeblich ändern. Das inkludiere das Miteinander von Lehrern und Schülern und noch vieles mehr. Um Paradebeispiele wie etwa das Otto-Nagel-Gymnasium in Zukunft auch weiter ausweiten zu können, plant das Bundesministerium in Zusammenarbeit mit dem Potsdamer Hasso-Plattner-Institut auch ein Projekt namens „Schul-Cloud“. Im Rahmen dieses Projekts sollen Hard- und auch Software in einem Verbund mehrerer Schulen zentral betrieben werden. So würde es genügen, dass in den Klassenzimmern nur noch Monitore und Computer stehen bräuchten. Die Schüler bräuchten dann keine eigenen Rechner mehr, was natürlich eine Menge Zusatzkosten einsparen würde. Zudem braucht es aber auch einfachere aber mindestens genauso wichtige Änderungen. So müssen die Lehrpläne modernisiert werden. Auch wird gefordert, das die Schüler in Zukunft digitale Prüfungen ablegen dürfen.

Für ein reibungsloses Funktionieren derartiger Vorzeigeprojekte, benötigt es eine zentrale Schlüsselkomponente und die lautet Offenheit und eine entspannte Atmosphäre. Es sollte dabei auch für Lehrer normal sein ihre Schüler um Hilfe zu bitten. So wird schließlich auch ein neues Gefühl der Zusammengehörigkeit geschaffen.

Grenzen der Digitalisierung. Faktor Kosten und Updates

Was auf dem ersten Blick so einfach klingt, ist in der Tat Schwerstarbeit. Schließlich kostet Technologie auch eine Menge geld und viele Schulen wirtschaften schon jetzt am absoluten Limit. So werden die geplanten fünf Milliarden Euro für die über 40.000 Schulen in Deutschland wohl nicht reichen. Die Neuerungen am Otto-Nagel-Gymnasium wurden beispielweise größtenteils von den Eltern getragen. Dazu zählten vorrangig die Laptops und auch der Ausbau des Wlans. Wer sich die Neuerungen nicht leisten kann, der bekommt Geräte kostenfrei über den Lernmittelverein gestellt. Vom Land erhält die Schule nicht mehr Geld als die anderen Schulen. Um das „Mehr“ jedoch finanzieren zu können, wird nicht nur auf zahlungskräftige Eltern gehofft, sondern ein weitere spannendes Konzept vorangetrieben. So zeigen die Schüler den Lehrern beispielsweise wie mit der Hilfe einfacher Software auch ein eigenes Lehrbuch erstellt werden kann. Daraus entstehen dann interessante Projekte, wie etwa ein Backbuch für den Matheunterricht, wo die Schüler „Wurzelkuchen“ backen und dies auch anschließend per Fotos dokumentieren. Unterm Strich entspringt dann ein umfangreiches Kurslehrbuch, selbst gemacht und weitaus günstiger. Eine gute Finanzierung ist also ebenfalls elementar und hier ist auch Kreativität gefragt.

Die Kosten für die Wartung der Technik dürfen nicht unterschätzt werden. Schon zwei Jahre nach dem Start des Wlan-Netzwerks mussten Komponenten am Otto-Nagel-Gymnasium ausgetauscht und erneuert werden. Ähnlich schnell veraltet auch die Technik in Laptops.

Ersetzen Computer den Lehrer?

Es gibt gute Argumente gegen ein Ersetzen von Lehrer durch Computer und Tablets. So bleiben reale Ereignisse, also wenn Lehrer Dinge anschaulich erklären und auch zeigen, besser hängen, als blanke Infos auf Bildschirmen. Auch das gemeinsame Kochen wird dann recht eintönig, Bildschirme können nur schlecht Haltungen korrigieren. Zudem sind Lehrer nach wie vor sehr wichtige Vertrauenspersonen. Computer können noch nicht wirklich erkennen, wann ein Schüler einmal einen schlechten Tag hat und während der Stoffvermittlung darauf eingehen. Vor allem in Grundschulen sind Lehrer als Vertrauenspersonen unersetzlich. Aber auch bei älteren Schülern müssen Lehrer immer wieder als Sozialarbeiter einspringen. Das wird ziemlich schnell beim Thema „Mobbing“ deutlich. Und zu guter Letzt ist ein Lehrer aus Fleisch und Blut auch zuverlässiger als Technik. Ist ein Laptop defekt, kann es unter Umständen mehrere Tage dauern, bis die IT-Abteilung sich der Sache annimmt und nach Freigabe des Schulträgers -der zuvor das Budget checken muss- eine Reparatur durchgeführt wird. Ein kranker Lehrer führt aber nicht gleich zu einem Totalausfall.

In Holland sieht das Ganze allerdings schon etwas anders aus. Hier liegen die sogenannten „Steve Jobs“- Schulen (angelehnt an den Apple Mitgründer und bereits verstorbenen Steve Jobs), im Trend. In der Grundschule „De Ontplooiing“, die sich im Norden von Amsterdam befindet, gibt es keine Tafeln mehr. Und auch Schulbücher sucht man hier vergebens. Die Schüler sammeln sich hier zu kleineren Grüppchen und lernen mit iPads. Gelernt wird hier fast nur noch im Rahmen von Workshops und mit der Hilfe von Apps. Lehrer übernehmen die Funktion der Aufsichtspersonen und helfen, wenn die Technik mal streikt.

Steve Jobs Schulen im Video

Dieses recht radikale Konzept der „iPad-Schulen“ ist allerdings nicht völlig unumstritten. So werde einigen Kritikern zufolge zu viel Selbstständigkeit von den Kindern gefordert. Schulleiter halten diesem entgegen, dass die Kinder damit keinesfalls überfordert sind. Im Gegenteil. Die Kinder seien neugierig und wollen lernen. Man muss sie allerdings auch begeistern.

Derartige Szenarien werden uns in Deutschland in naher Zukunft wohl noch nicht „überrollen“. Es ist dabei recht bequem, wie die Entwicklungen bei unseren Nachbarn von Statten gehen. Und manchmal ist es auch gar nicht so verkehrt etwas hinterherzuhinken.

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