Earthships: Autarkes Haus aus recycelbaren Materialien landet auch in Deutschland

Michael Reynolds ist der Herr der Earthships. Der Amerikaner baut energieautarke Häuser aus Abfall und exportiert sie weltweit. Demnächst landet eines der Konzepthäuser auch in Deutschland.

Michael Reynolds: Ein Mann mit einer Vision

In der Nähe von Crailsheim soll das erste Earthship in Deutschland “landen”. Aber der Reihe nach.

Man schrieb das Jahr 1971, als der Amerikaner Michael Reynolds in der Wüste des Bundesstaates New Mexiko sein erstes Haus aus alten Dosen baute. Seine Nachbarn hielten ihn für verrückt, aber im Grunde lag Reynolds damals schon im Trend der Zeit. Im amerikanischen Fernsehen liefen damals schon Berichte über die Gefahren, die mit den Massen an Weißblechdosen einhergingen. Kurz: Müll war damals schon ein Problem, und Reynolds wollte etwas dagegen unternehmen.

Heute ist Michael Reynolds 69 Jahre alt, und der Vater des Konzepts der “Earthships”, Häusern, die komplett aus recycelten Materialien – oder kurz und knapp aus Müll – gebaut sind und es dabei auch noch schaffen, sich selber mit Energie zu versorgen. Mehr als Hundert dieser Häuser in ganz unterschiedlichen Größen stehen nun in der Wüste New Mexicos. Und kaum jemand ist noch der Meinung, Michael Reynolds sei ein Spinner.

Häuser aus Autoreifen

Reynolds möchte selber eigentlich nicht als Architekt gesehen werden. “Architektur heute ist Masturbation”, erklärt er. Michael Reynolds ist ein Idealist. Ganz oder gar nicht – nach diesem Motto baut er auch seine Häuser. Wir leben bereits heute in einer Mangelgesellschaft. Energie, Wasser, Nahrung, Rohstoffe – als selbstverständlich sollte man nichts davon mehr betrachten. Unter diesem Gesichtspunkt entwirft Reynolds Häuser, deren Wände aus alten Autoreifen bestehen, die er mit Erde füllen lässt. Innen lässt er sie mit Lehm verputzen, außen wird das Material mit Matten zur Isolation und dann erneut mit einer Schicht Erde bedeckt. Und schon steht eine stabile Wand, die im Winter die Wärme im Haus hält. Und gleichzeitig als Wärmespeicher funktioniert. Tagsüber heizt sie sich unter der Sonneneinstrahlung auf, nachts gibt sie diese Wärme wieder ab. Dieses Konzept funktioniert so gut, dass sogar bei Minusgraden die Temperatur im Earthship selten unter 23 Grad fällt. Und das ohne Heizöl oder anderweitiger Zuführung von Heizenergie.

Und auch für den Sommer ist das Konzept gewappnet. Ventilationsschächte in den Wänden sorgen für Luftzirkulation, bei der kühle Luft aus dem Erd- und Reifenhang durch das Haus zieht und durch Dachluken wieder abziehen kann. Mit den Luken lässt sich auch die Temperatur regulieren.

Das Earthship befriedigt die Grundbedürfnisse des Wohnens

Das Haus kümmert sich um dich.” Dieser Satz von Reynolds umschreibt das Prinzip des Earthships recht gut. Der Alt-Hippie hat sechs Grundbedürfnisse des Wohnens identifiziert: Abwasserversorgung, Strom, Obdach, Nahrung, Wasser und Müllentsorgung. In seinen Häusern verbaut er Regenwasserkollektoren, Solarzellen samt Batterien, die nachts für Strom sorgen sollen, autarke Abwasserversorgungen und Gewächshäuser, mit denen sich die Bewohner sogar selber mit Nahrung versorgen können. “Du brauchst keine großen Unternehmen oder korrupte Regierungen, die mit den Unternehmen unter einer Decke stecken und dich mit dem versorgen, was du brauchst – oder besser: von dem sie dir sagen, dass du es brauchst!” Wenn Reynolds über sein Projekt spricht, geht das selten ohne politische Botschaft.

Das Global Model: Der Mercedes unter den Earthships

Die Preise für die Earthships variieren je nach Ausführungen. Einfachere Ausführungen sind für rund 200.000 US-Dollar zu haben. Das “Global Model”, das Vorzeige-Earthship, kostet 500.000 Dollar. Ein Betrag, den die Kunden in den USA durchaus auch für ein “gewöhnliches” Haus hinlegen. Das Global Model Earthship kann an verschiedene Klimazonen angepasst und so weltweit gebaut werden. “Das Global Model ist wie ein Mercedes”, sagt Reynolds über das Haus.

Aber auch Reynolds Mercedes unter den Earthships ist nicht gerade elegant. Es ist unförmig, hat keine klaren Linien und ist im Innenraum nicht einmal besonders hell. In den Augen des Amerikaners sind es aber konventionelle Häuser, die hässlich sind. Hässlich, weil sie verschwenderisch mit Rohstoffen umgehen. Reynolds Häuser funktionieren in US-amerikanischen Luxusvierteln genauso wie in Entwicklungsländern. In seinen Augen sind sie wunderschön.

Das Global Model des Earthships. Foto: Earthship Biotecture

Eine Erfolgsgeschichte, so bewegt wie Reynolds selber

Die Erfolgsgeschichte von Reynolds Earthships und seiner Firma Earthship Biotecture verlief nicht gradlinig. In der Mitte der 70er Jahre landete Reynolds seinen ersten großen Deal. Für eine Frauengruppe baute er eine Siedlung aus Earthships, die er Rolor nannte. Später erfuhr er, dass die finanziellen Mittel aus LSD-Deals in Texas stammten. In den 80er Jahren baute Reynolds frühe Formen des Earthships in Bolivien. In den 90ern schließlich begann er einen Kampf mit der amerikanischen Regierung, die ihm in Gestalt der Stadtverwaltung von Santa Fe, New Mexico seine Baulizenzen entzog und seine Siedlung schloss. Bis 2006 sollte es dauern, dass Reynolds wieder bauen durfte. In diesem Jahr wurde in New Mexico der “Sustainable Development Testing Sites Act” verabschiedet, der ihm gestattete, wieder auf experimenteller Basis zu bauen.

Heute baut er seine Häuser weltweit. Gerade kam er von einem Projekt auf den Osterinseln, als nächstes stehen die Philippinen, wo er ein sogenanntes Windship mit Taifunschutz bauen soll, und Argentinien auf dem Programm. Und auch nach Deutschland sollen die Earthships kommen.

Foto: Earthship Biotecture

Earthships in Deutschland

Eine Gruppe namens Schloss Tempelhof möchte bei Crailsheim Deutschlands erstes Earthship bauen. 298.500 Euro soll es kosten. 203.000 Euro davon deckt die Organisation mit Genossenschaftsanteilen, für die restlichen 95.500 Euro läuft momentan ein Spendenaufruf. Bei dem Projekt gab es einige Hindernisse zu umgehen. In kaum einem Land sind die Bauvorschriften strenger als in Deutschland. Deshalb musste, um die Baugenehmigung zu erhalten, das Konzept untergraben werden, indem das Haus an die Wasserversorgung sowie die Kanalisation angeschlossen wird. Auch die Nutzung von Altreifen stellte sich aus Brandschutzgründen als schwierig heraus. Aber inzwischen wurde die Genehmigung erteilt.

Ein weiteres Earthship sollen in Nauen bei Berlin für ein Paar gebaut werden. Im Allgäu wollte eine Gemeinde ihr Gemeindehaus von Reynolds bauen lassen, aber dabei keinen Müll verwenden. Doch Michael Reynolds hat Prinzipien und will mit dem Projekt nichts zu tun haben.

Firma ohne Profit

Earthship Biotecture ist eine Firma, die keinen Profit macht. Reynolds dirigiert den Umsatz so, dass es gerade ausreicht, mit einem entspannten finanziellen Kissen den Betrieb am Laufen zu erhalten. Das Unternehmen hat laufende Kosten in Höhe von 100.000 Dollar, wovon Reynolds 4000 als Gehalt kassiert. Die Kosten deckt er durch Häuserverkäufe, Earthship-Hotels und Tantiemen für seine Bücher.