Über dem wohl ungewöhnlichsten Mehrfamilienhaus der Welt weht jetzt der Richtkranz. Das Gebäude mit neun Wohnungen in Brütten bei Winterthur in der Schweiz wird weder Gas- noch Stromanschluss haben. Es gibt auch keinen Heizkessel der etwa mit Öl oder Pellets betrieben wird. Die Sonne soll es alles richten. Sowohl das Dach als auch die Fassaden, die nennenswert Sonne abbekommen, erzeugen mit Hilfe von Solarmodulen Strom. Der wird zum einen direkt verbraucht, zum anderen lädt er einen Batterieblock, aus dem sich die Bewohner nachts und an trüben Tagen bedienen. Mit Strom, für den es keine Abnehmer gibt, wird ein Elektrolyseur betrieben, der Wasser in Wasser- und Sauerstoff spaltet. Der Wasserstoff wird in einem Tank gesammelt, vor allem an sonnigen Sommertagen. In einer Brennstoffzelle wird er bei Bedarf in Niedertemperatur-Heizwärme, warmes Brauchwasser und Strom verwandelt. Pufferspeicher für Heiz- und warmes Nutzwasser sorgen dafür, dass es daran zu keiner Tages- und Nachtzeit mangelt.


autarkes neunfamilienhaus
Energieautarkes Mehrfamilienhaus in Brütten (Bild: umweltarena.ch)

Direkt-Solarheizung im Herbst und Frühling

Damit die Rechnung aufgeht hat der Initiator, die Umwelt Arena in Spreitenbach im Kanton Aargau, auf zahlreichen Technologien bestanden, die den Energieverbrauch senken. So ist das Haus überdimensional wärmeisoliert. Die Planer achteten darauf, dass das Haus so gebaut wird, dass die Innenräume im Herbst und Frühjahr vor allem von direkter Sonnenstrahlung erwärmt werden. Wenn sich dann im Sommer die Innenräume zu sehr aufzuheizen drohen, werden die Fester automatisch beschattet, um die Infrarotstrahlen draußen zu halten. Das soll eine Klimatisierung überflüssig machen.

Die Abwässer aus Duschen, Badewannen und Küchen fließen durch einen Wärmetauscher, in dem Trinkwasser erwärmt wird. Um Wasser zu sparen werden raffinierte Duschköpfe eingebaut. Sie reichern das Wasser mit Luft an, sodass der Eindruck entsteht, der Strahl sei voluminöser. Alle Elektrogeräte haben höchstes Energiesparniveau. Die Beleuchtung besteht zu 100 Prozent aus besonders sparsamen Leuchtdioden.


Biogas aus Toilettenabwässern

Die Toiletten haben ein eigenes Abwassersystem. Das Abwasser landet in einer Vergärungsanlage namens Kompogas. Entwickelt hat sie Walter Schmid, Initiator der Umwelt Arena und Mitinhaber eines Bau- und Projektierungsunternehmens im nahe gelegenen Glattbrugg. Das produzierte Biogas ist für ein entsprechend ausgestattetes Auto gedacht, das bei Nachschubmangel aus den Toiletten auch mit Erdgas fährt.

Damit die Bewohner Strom nicht leichtfertig vergeuden haben sie Zugriff auf ein Infotainment-System, das sie aktuell über den energetischen Zustand ihres Hauses informiert. Wenn sie dann beispielsweise sehen, dass der Batterieblock schwächelt, können sie sich entscheiden, statt abends erst am nächsten Morgen die Waschmaschine anzuwerfen.

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