Der Fahrer des Mittelklassewagens ist eingekeilt zwischen zwei Lkw. Der Strom der überholenden Fahrzeuge scheint endlos. Endlich eine Lücke. Der Fahrer setzt den Blinker und will ausscheren. Da kommt die Warnung „Spur halten!“, akustisch und optisch auf dem Display des Navis. Sekunden später wird der Grund klar: Ein roter Flitzer aus Italien schießt mit vielleicht 160 Kilometern pro Stunde vorbei.


Volvo

Warnung vor unsichtbaren Gefahren

Auf der Autobahn 9 zwischen München und Nürnberg können diese Situation vier Fahrer erleben. Sie sind versuchsweise mit einem System ausgestattet, das eine Kommunikation mit anderen Fahrzeugen ermöglicht. Diese findet über das schnelle Mobilfunknetz LTE (Long Term Evolution) statt. Jedes Auto, das damit ausgestattet ist, meldet seine aktuellen Daten in schneller Folge einer Zentrale. Dazu gehören Standort und Geschwindigkeit. Der Zentralrechner prüft nahezu in Echtzeit, ob es Fahrzeuge gibt, die sich gefährden könnten. Erkennt er eine brenzlige Situation warnt er beide. So hat auch der Fahrer des roten Flitzers eine Warnung erhalten: „Langsamer fahren!“ Das hätte einen Unfall vermeiden können, wenn sich der Fahrer des eingeklemmten Wagens nicht an die Anweisung, in der Spur zu bleiben, gehalten hätte.


BMW „Victor“ war der Vorreiter

Das Fraunhofer-Institut für Eingebettete Systeme und Kommunikationstechnik (ESK) in München hat das System entwickelt, das die Straßen künftig sicherer macht. Bereits im Juli rüsteten ESK-Forscher einen BMW 320i Touring, den sie Victor tauften, mit allerlei zusätzlicher Hardware aus. Über zwei GPS-Antennen empfängt das Fahrzeug seine genaue Position. Für die Kommunikation mit anderen Verkehrsteilnehmern und der Zentrale sorgen zwei Kombiantennen, die sowohl LTE-Mobilfunk als auch den autospezifischen WLAN-Standard ITS-G5 unterstützen. Rundum sind Laserscanner eingebaut, die das Umfeld des Fahrzeugt überwachen. Im Kofferraum befindet sich ein Personalcomputer, der die Daten sammelt und der Zentrale sowie anderen Verkehrsteilnehmern zur Verfügung stellt. Das gelingt in wenigen Millisekunden.

„Das Stauende liegt in einer Kurve“ ist eine beliebte Ansage im Verkehrsfunk. Meist ist sie falsch, denn zwischen der Beobachtung und der Ausstrahlung der Warnung vergeht eine gewisse Zeit, in der sich das Stauende verlagern kann. Umgekehrt kann es einen Stau geben, der in einer Kurve liegt, von dem die Warnfunker nichts wissen. Ein Auto, das in einer Kurve wegen eines Staus stehenbleibt, kann dagegen eine echte Warnung für die nachfolgenden Fahrzeuge aussprechen. „Die gesammelten Daten werden bewertet. Nur wichtige Informationen werden an andere Fahrzeuge weitergegeben“, sagt Professor Rudi Knorr, Leiter des ESK.

Kosten pro Auto nur wenige 100 Euro

Betreiber der LTE-tauglichen Mobilfunksender und -empfänger entlang der Teststrecke ist die Deutsche Telekom. Der finnische Netzespezialist Nokia rüstete sie für die Datenkommunikation mit vorbeifahrenden Autos auf. In zehn Jahren, schätzt Knorr, könnte das System serienreif sein. Die Ausrüstung von Neuwagen mit der neuen Kommunikationstechnik werde nur wenige 100 Euro kosten, schätzt der Autozulieferer und Reifenspezialist Continental.

Anders als bei Konzepten für völlig autonomes Fahren, die beispielsweise Haftungsprobleme aufwerfen, ist der Fahrer bei der Kommunikation von Autos untereinander und einer Zentrale nicht aus seiner Pflicht entlassen. Das Verfahren könnte allerdings die Entwicklung autonomer Fahrzeuge, die bereits im Straßenverkehr getestet werden, etwa von Google, Audi und Daimler beschleunigen.

Teile den Artikel oder unterstütze uns mit einer Spende.
PayPal SpendeAmazon Spendenshopping

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.