Die Inbetriebnahme nahezu aller deutschen Offshore-Windparks verzögert sich. Schlamperei ist nicht daran Schuld, jedenfalls keine aktuelle. Sie ereignete sich vor Jahrzehnten, jeweils zum Ende der beiden Weltkriege. Deutsche und Alliierte entsorgten Munition, Seeminen, Torpedos, Bomben und Granaten mit chemischen Kampfstoffen und Phosphor, das im Kontakt mit Luft brennt und kaum gelöscht werden kann. Die Stellen, an denen die Fundamente von Windgeneratoren platziert werden sollten, mussten mit Unterwasserrobotern inspiziert werden. Die dabei entdeckten gefährlichen Gegenstände wurden eingesammelt und an Land entsorgt oder, wenn sie zu groß waren, an Ort und Stelle gesprengt. Aufwändig ist vor allem die Sicherung der viele Kilometer langen Trassen, auf denen die Kabel für den Stromtransport an Land verlegt werden. Der Netzbetreiber 50Hertz, der die Windparks in der Ostsee ans Festlandnetz anschließt, rechnet pro Leitung mit Baukosten „im mittleren dreistelligen Millionenbereich“.


Ozean
Foto: The Atlantic Ocean, Milan Boers, Flickr, CC BY-SA 2.0

Gefährliches Phosphor sieht aus wie Bernstein

Am Grund der Nordsee lagern 1,3 Millionen Tonnen konventionelle Sprengkörper und 90 Tonnen chemische Kampfstoffe. In der Ostsee landeten 300.000 Tonnen konventionelle Sprengkörper sowie 5000 Tonnen chemische Kampfstoffe, dazu noch Brandbomben, die Phosphor enthalten. Das ähnelt, wenn es die Sandstrände erreicht, Bernstein. Wer es aufhebt und in eine Tasche steckt riskiert schwerste Verbrennungen. Phosphor geht in Flammen auf, sobald er trocken wird. Die Temperatur erreicht bei diesem Prozess 1300 Grad Celsius. Im Laufe der Jahrzehnte starben 400 Menschen, meist Fischer, durch explodierende Sprengkörper, chemische Waffen und Brandbomben, die sich in den Netzen verfangen hatten. Mehr als 600 wurden bis heute allein in den deutschen Abschnitten von Nord- und Ostsee verletzt, hat der Meeresbiologe und Experte für explosive Altlasten, Stefan Nehring, ermittelt.

Ungenaue Karten sollen jetzt präzisiert werden

In den Wirren der Nachkriegszeiten wurde die gefährliche Fracht, die oft von privaten Schiffern zu bestimmten Plätzen gebracht werden sollte, nicht selten schon weit vor dem Bestimmungsort über Bord geworfen. Es gibt zwar Karten, auf denen Lagerstätten verzeichnet sind. Doch die sind nicht vollzählig und geben nicht unbedingt Auskunft darüber, um welche Sprengmittel es sich handelt. Bisherige Lösungen zur Kartierung der Gefahrenstoffe wie zum Beispiel das Fächerlotsystem, Seitensichtsonare oder Sedimentecholote könnten lediglich kleine Gebiete stichprobenartig überprüfen, meint Professor Uwe Freiherr von Lukas vom Fraunhofer-Institut für Graphische Datenverarbeitung (IGD) in Darmstadt. Die Zuverlässigkeit dieser Methoden liege bei lediglich 80 Prozent.


Erste Ergebnisse 2017

Das soll sich jetzt ändern. Das Netzwerk Munitect, ein Zusammenschluss von 14 Unternehmen und Forschungseinrichtungen, entwickelt jetzt zuverlässige Methoden zur Auffindung und Identifizierung von Munition auf und im Meeresboden. Die Federführung hat das IGD. „Wir möchten damit einen Beitrag für die Sicherheit von Aktivitäten bei der wirtschaftlichen Nutzung der Nord- und Ostsee leisten.“ Nach Abschluss der Arbeiten soll eine Karte zur Verfügung stehen, die sämtliche Lagerstätten von Munition und deren Eigenschaften ausweist. 2017 sollen erste Ergebnisse präsentiert werden.

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