Während in vielen Bereichen der Gesellschaft der digitale Fortschritt eine große Rolle spielt, scheint der medizinische Bereich dieser Entwicklung nachzuhängen. Natürlich gibt es interessante Ansätze, darunter die künstliche Intelligenz Watson von IBM, aber auf der anderen Seite nutzen viele Krankenhäuser noch großteils papierbasierte Datenverarbeitungen. Doch der digitale Fortschritt wird auch vor der medizinischen Versorgung nicht halt machen. Ein Unternehmen aus Seattle stellte kürzlich ein innovatives Konzept zur medizinischen Grundversorgung vor, dessen Herzstück eine mobile, selbstfahrende Klinik ist, in der die Patienten statt von einem Arzt von einer künstlichen Intelligenz erwartet werden.


Neue Ära der medizinischen Versorgung?

Anfang des Jahres eröffnete in San Francisco eine Arztpraxis, die sich von der Konkurrenz nicht nur mit moderner Ausstattung abhebt, sondern auch durch ein innovatives Abo-Modell, bei dem ein Fixbetrag den unlimitierten Zugang zu den Ressourcen der Praxis ermöglicht. Vor allem in Hinblick auf das US-amerikanische Gesundheitssystem, in dem eine Krankenversicherung nicht selbstverständlich ist, ist das ein interessanter Ansatz – auch wenn das Angebot sich vorerst eindeutig an die wohlhabendere Bevölkerung richtet.


Das Konzept des Unternehmens Artefact Group aus Seattle geht allerdings noch einen ganzen Schritt weiter. Essentiell wird die Art und Weise, wie wir in den letzten 100 Jahren mit dem Thema medizinische Versorgung umgegangen sind, durch das Konzept auf den Kopf gestellt.

Mehrstufiges System überwacht den Gesundheitszustand

Die erste Ebene des Konzepts namens Aim bildet eine Kombination aus aktiven Test- und passiven Überwachungsmethoden, den Zustand des Patienten bereits in seinen eigenen vier Wänden überwachen. Dies wird sowohl durch Wearables als auch durch smarte Einrichtungsgegenstände wie beispielsweise die Toilette oder der Badezimmerschrank realisiert. Das Ziel dabei ist es, einen Verbund verschiedener Sensoren zu schaffen, die kontinuierlich Gesundheitsdaten des Patienten erheben und verarbeiten.

Der dadurch entstehende Datensatz soll dann von einer künstlichen Intelligenz überwacht werden, die mit der Zeit immer mehr über den Patienten lernt und in der Lage ist, ungewöhnliche Ergebnisse zu erkennen und Alarm zu schlagen.

In diesem Fall kommt die zweite Ebene zum Einsatz: Eine moderne, selbstfahrende Klinik, die sich bei Bedarf auf den Weg zum Patienten nach Hause oder zu seinem Arbeitsplatz macht und dort die Möglichkeit für weitergehende Diagnostik bereitstellt.

Künstliche Intelligenz stellt die Diagnose

Auch in der mobilen Klinik stellt kein Arzt die Diagnosen, sondern eine künstliche Intelligenz. Diese ist auch in der Lage, oft genutzte und eher harmlose Medikamente direkt bereit zu stellen. Wenn die Diagnose eine direkte medizinische Intervention erfordert, kann die künstliche Intelligenz direkt eine Verbindung zu einem Facharzt herstellen oder den Patienten im Notfall direkt in eine Notaufnahme transportieren.

„The mission of Aim is to close the data, experience and logistical gaps between home and clinical environments“, so die Entwickler über das Konzept.

Aim könnte Gesundheitssysteme entlasten

Bisher handelt es sich nur um ein Konzept, dessen Umsetzung sowohl auf technischer als auch auf gesetzlicher Ebene momentan schwierig wäre. Aber Aim gibt einen Ausblick darauf, wie moderne Medizin in Zukunft aussehen könnte. Große Teile des Aim-Konzeptes könnten rein vom Ablauf her problemlos in die weltweit bereits existierenden Gesundheitssysteme integriert werden. In Deutschland warten Patienten teilweise monatelang auf einen Arzttermin, und in den USA sieht die Situation noch viel schlechter aus. Automatische Systeme könnten niedergelassene Ärzte entlasten und ihre fachliche Kompetenz bündeln und entsprechend verteilen.

Speziell für Patienten mit geringen Risiko wird von künstlicher Intelligenz durchgeführte Diagnostik mit der Zeit immer wichtiger werden. Mobile, automatisierte Kliniken, die sich um diese Patientengruppe kümmern, könnten entscheidend dazu beitragen, Praxen und Krankenhäuser zu entlasten.

Natürlich spielen die Kosten bei einem solchen Konzept eine entscheidende Rolle. Die Entwicklung und Implementierung derartiger Systeme wäre sicherlich nicht günstig, aber auf der anderen Seite steigen die Kosten für die medizinische Versorgung generell stark an, und es würde vielleicht nicht schaden, das ein oder andere alternative Konzept zumindest entsprechend in Betracht zu ziehen. Beispielsweise wäre es auch hier möglich, auf eine Art Abo-System zu setzen. Frühzeitige Diagnosen sparen in der Medizin oft bares Geld – Konzepte wie Aim könnten hierbei in Zukunft eine große Rolle spielen.

via New Atlas, Artefact Group

Bilder: Artefact Group

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1 Kommentar

  1. Michael Brocks

    27. Juni 2017 at 12:15

    Es müsste eine Möglichkeit geben, womit Ärzte auf die geballte weltweite Erfahrung in Echtzeit zugreifen können!

    Im Krankenhaus A verstorben und in Krankenhaus B gerettet, obwohl diese vielleicht keine 100 km auseinander liegen!

    Dies wird höchstwahrscheinlich auch erst einmal nur dank künstlicher Intelligenz unterstützend für den Arzt möglich sein, aber vielleicht gibt es ja irgendwann auch den berühmten Tricorder von „Pille“, der einen Scan vom gesunden Menschen mit dem jetzt kränkelnden vergleicht und dem Arzt den Unterschied aufweist, doch dafür müsste so mancher Ausschlussverfahrens-Test um einiges beschleunigt werden.

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