Laut Pisa-Studie liegen Estlands Schüler in Sachen Naturwissenschaften ganz weit vorn: Die Schulen sind digital vernetzt wie in keinem zweiten Land der Erde, und »Programmieren« gehört zu den Pflichtfächern. Damit folgt der Nachwuchs einem Trend, der längst auch die Erwachsenenwelt ihres Landes dominiert.


Estland als Vorreiter der Digitalisierung

Wer braucht schon einen Antrag auf Kindergeld?

Formulare ausfüllen, vor Amtsstuben warten, zum Wahltag ein Kreuzchen auf Papier machen: Alle diese Dinge gehören in Estland längst der Vergangenheit an. Mit der digitalen Bürgerkarte, einer individuellen Bürgernummer und dem passenden Identifikationscode erhält jeder Este Zugang zu einem landesweiten Datennetz, das beinahe sämtliche offiziellen Vorgänge verwaltet. Die Steuererklärung lässt sich so mit dem einheitlichen Steuersatz von 20 % ganz nebenbei erledigen, Ämterbesuche sind gar nicht mehr nötig, digitale Formulare weitgehend vorausgefüllt. Bald schon soll Kindergeld ab der Geburt eines Babys von selbst fließen, denn wer braucht schon einen Antrag, wenn ohnehin alle Daten beisammen sind? Nebenbei dient die sogenannte e-ID-Karte noch als Versicherungskarte, Führerschein, Büchereiausweis und Treuekarte für den örtlichen Supermarkt.

Dezentrale Speicherung soll vor Hackerangriffen schützen

Die Speicherung der Datenflut erfolgt dezentral, eventuelle Hacker treffen also immer nur auf Teilinformationen. Doch ein Gesamt-Back-up des gesamten Landes soll ab Januar nächsten Jahres in Luxemburg liegen, die sogenannte »Data Embassy«: nur zur Sicherheit. Jeder Dateninhaber kann genau sehen, wer auf seine Informationen zugreift; im letzten Jahr erhielten sieben Ärzte eine Strafe, weil sie sich Einsicht verschafften in Daten von Nicht-Patienten. Transparenz ist in diesem System also sehr wichtig, denn sie verschafft die nötige Sicherheit. Die virtuelle Vernetzung spart dem estländischen Staat zudem angeblich über 800 Jahre Arbeitszeit pro Jahr in der Verwaltung, und damit auch eine ganze Menge Geld. Ganz zu schweigen von der Zeitersparnis für die Bürger! Nur Eigentumsübertragungen für Immobilien, Hochzeiten und Scheidungen lassen sich in Estland nicht online erledigen, aber das wohl aus gutem Grund.


Der Wunsch nach mehr digitaler Zusammenarbeit wird laut

Und während der Rest der Welt allmählich hinterherhinkt, verkehren in Tallinn bereits selbstfahrende Minibusse als Vorläufer der kurz bevorstehenden autonomen mobilen Revolution. Auch der Wunsch nach mehr Zusammenarbeit mit der EU wird laut, damit jeder Patient in ganz Europa mit seinem digitalen Rezept an Medikamente gelangt, oder Millionen von anonymisierten Gesundheitsdaten in die Forschung fließen können. Doch das ist Zukunftsmusik, das kleine Estland muss erst noch warten, bis die anderen überhaupt seinen Level erreichen. Wahrscheinlich läuft die digitale Entwicklung hier auch deshalb so reibungslos und schnell ab, weil es sich um ein Völkchen von nur 1,3 Millionen Menschen handelt. Die insgesamt 511 Millionen Einwohner der Gesamt-EU lassen sich wahrscheinlich nicht ganz so leicht unter einen Hut bringen.

Quelle: sueddeutsche.de 

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