Tinder und Co: Wie die modernen Dating-Trends unsere Beziehungen verändern – oder auch nicht

Die ganz große Liebe, der beste Sex des Lebens, ein unverbindliches Abenteuer, ist das alles wirklich nur noch einen Mausklick entfernt? Der Versuch einer Einschätzung.

Die Suche nach dem perfekten Partner mit Datiung-Apps

Online-Partneragenturen, Online-Communities zu allen erdenklichen Themen, Dating-Apps fürs Smartphone und Erotik- und Seitensprung-Portale sprießen wie die Pilze aus dem virtuellen Boden und für wirklich jeden Geschmack ist etwas dabei. Egal ob man die Liebe seines Lebens, einen One-Night-Stand, einen Dominus a la Christian Grey oder einfach nur einen Partner zum Wandern sucht – in der unendlichen Welt des WWW gibt es im 21. Jahrhundert für alles eine Lösung. Mindestens eine. Schon mal was von Polyamorie, Looners oder 24/7- Beziehungen gehört? Nein? Dann einfach ein neues Fenster öffnen und Google fragen. Man kann theoretisch überall einen Partner finden, der die gleichen Interessen oder auch Fetische teilt.

Oder jemanden, der sich gleich nebenan aufhält und ebenfalls auf der Suche ist. Die Dating-App Tinder nutzen in Deutschland etwa zwei Millionen Smartphone-Besitzer, davon suchen etwa 70 Prozent Sex, knapp die Hälfte ist aber auch für eine ernsthafte Beziehung offen. Das Prinzip ist simpel: Man bekommt Fotos von anderen Usern in seiner Nähe zu sehen und entscheidet mit einem Fingerwisch nach rechts (ja) oder links (nein), ob man an jemandem Interesse hat oder nicht. Wenn zwei User gleichzeitig Interesse haben, können sie Kontakt aufnehmen. Tinder ist eine Weiterentwicklung von Grindr, einer App, die Schwulen zu schnellen Sexkontakten verhilft. Eine gute Idee, denn viele homosexuelle Männer sind auf der Suche nach unverbindlichem Sex. Ob das aber auch auf Heteros und Frauen zutrifft, ist fraglich.

Online-Partneragenturen für längerfristige Arragements

Das Gegenstück dazu sind Premium-Online-Partner-Agenturen wie Parship, wo man erst mal einen aufwändigen Persönlichkeitstest absolvieren muss und gezielte psychologisch begründete Partnervorschläge bekommt – ohne Foto. Welche Variante besser funktioniert, muss wohl jeder für sich selbst herausfinden. Wem das alles zu langweilig ist, der geht auf eine Pheromon-Party und schnüffelt an verschwitzten T-Shirts. Die Biologie sagt schließlich dass man den perfekten Partner gerne riechen muss. Speed-, Silent-, Dinner- und sonstige Datingformate verbreiten sich weltweit in Großstädten. Trotzdem steigt die Zahl der Singles weiter.

Wer schon in einer festen Beziehung ist und sich dort langweilt, erstellt sich einfach ein Profil auf einem Seitensprung-Portal. Auch davon gibt es mittlerweile mehrere, die alle mit seriösen Mitgliedern, einem hohen Frauenanteil und absoluter Anonymität werben. Auf Erotik-Portalen wie Joyclub findet man schließlich Informationen und Gleichgesinnte zu sämtlichen vorstellbaren Erotik-Themen: Männer, Frauen, Paare, Parties und die besten Tipps für Swingerclubs und erotische Reisen. Auch hier gibt es viele, die eigentlich auf der Suche nach einer festen Beziehung sind.

Was möchte man eigentlich und welches Format ist das passende ?

Wohin führt das alles? Man braucht lediglich einen Internetzugang oder ein Smartphone und kann man in Minutenschnelle Tausende von potentiellen (Sex-)Partnern kennen lernen. Der Vergleich zum Online-Shopping liegt nahe: ein paar Klicks, die Bankverbindung eintippen, schon ist das Päckchen unterwegs, und wenn die Ware nicht gefällt, hat man ein zweiwöchiges Rückgaberecht. Datingportale & Co funktionieren auf den ersten Blick sehr ähnlich, doch die Menschen hinter den Profilen sind nun mal keine Schuhe oder Bücher. Was beim Online- Dating auf der Strecke bleibt, ist die Fähigkeit, sich wirklich auf jemanden einzulassen, den anderen in Ruhe kennen zu lernen, ihm eine zweite und auch eine dritte Chance zu geben. Denn man hat ständig im Hinterkopf, dass der oder die Nächste noch ein bisschen besser passt und es dann einfacher wird.

Das gilt übrigens sowohl für die Partnersuchenden als auch für die Sexsuchenden. One-Night-Stands sind in den seltensten Fällen wirklich gut. Weil man sich eben nicht kennt, weil man sich keine Zeit gibt, sich wirklich auf den anderen einzustellen. Wenn es dann bei der ersten Begegnung nicht gleich prickelt, wird die Person abgehakt und die nächste angeschaut. Klar gibt es auch Tinder- und Speeddating-Paare, die heiraten. Die sind aber genau so selten wie diejenigen, die sich an der Kasse im Supermarkt kennenlernen.

Für Menschen, die auf der Suche nach Liebe auf den ersten Blick (oder dem perfekten Fremd*pieps*) sind und viel Geduld haben, sind diese Methoden sicher geeignet. Man kann sich immer neue Menschen anschauen, so lange bis es dann irgendwann „Klick“ macht. Für alle anderen gilt: Erst mal genau schauen, was man eigentlich will, sich dann das passende Kennenlern-Format suchen und mit potentiellen Kandidaten mindestens dreimal an verschiedenen Orten treffen. Und neugierig sein, ob sich Gefühle auch entwickeln können.

Über die Autorin: Susanne Wendel

Gesundheitsexpertin und Autorin, u.a. „gesundgevögelt“ und „Wie wär´s mit uns beiden?“

Susanne hat mit Ende 30 mehr als 50 Männer über online-Portale gedatet. Irgendwann hat es ihr gereicht und sie hat sich mit einem langjährigen guten Freund verlobt. Heute führt sie mit ihm zusammen eine GmbH, hat zwei Kinder und eine glückliche Beziehung. Susanne Wendel ist als Speakerin auf dem kommenden Feminess Business Kongress am 30. April 2016 in München live zu erleben.