Wenn ein Kind an der sogenannten Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) leidet, ist das weder für das betreffende Kind noch für die Eltern ein Zuckerschlecken. Besonders in schweren Fällen kann ADHS zu gestörtem Sozialverhalten sowie hoher Affinität zu Suchtverhalten und Kriminalität führen. Auch in der mittelschweren Ausprägung führt ADHS zu Enwicklungsproblemen, die das Versagen in der Schule sowie im Beruf wahrscheinlicher machen und unter Betroffenen letztlich zu einer höheren Suizidrate führen. Deshalb sind Kinder, die an einer mittelschweren bis schweren Ausprägung von ADHS leiden, unbedingt behandlungsbedürftig. Die Behandlung richtet sich nach dem Schwertgrad der Erkrankung. Zur Verfügung steht eine breite Palette, die von Coachings über Psychotherapie bis hin zu Pharmakotherapie, also der Therapie mit Medikamenten, reicht. Auch eine kontrollierte Ernährung kann zu Verbesserungen führen. Wissenschaftler aus den USA haben nun eine neue Behandlungsmethode für ADHS entwickelt, die möglicherweise auch in der Alzheimer-Forschung zum Einsatz kommen kann: Ein Videospiel soll helfen, ADHS zu behandeln.


Project:EVO
Startbildschirm von Project: EVO

Von NeuroRacer zum Project:Evo – wie sich eine Idee entwickelt

Die neue Methode kommt aus der Entwicklungsabteilung der US-amerikanischen Firma Akili Interactive Labs, einer Tochterfirma von PureTech Ventures.

Das von Akili Interactive Labs entwickelte Spiel hört auf den Namen Project:EVO und blickt auf einen langen Entwicklungsprozess zurück. Einer der Mitgründer von Akili Interactive Labs ist der Neurowissenschaftler Adam Gazzaley, der an der University of California in San Francisco lehrt. Dieser störte sich immens an der Tatsache, dass die zur Behandlung von ADHS verfügbaren Pharmazeutika zwar in gewissen Bereichen nachweisbare Wirkungen zeigen, aber für die Behandlung von aus ADHS heraus entstehenden exekutiven Dysfunktionen (Störungen in der Fähigkeit zu Planen und schnell zwischen mehreren Aufgaben zu wechseln) so gut wie nutzlos seien. “Drugs are relatively blunt instruments. They’re not selective for networks and circuits in the brain,” so Gazzalley.


Im Jahr 2008 führte Gazzeley eine Studie über exekutive Dysfunktionen aus und entwickelte aus dieser heraus ein Interesse an wissenschaftlichen Computerspielen. Er fragte sich, ob einer exekutiven Dysfunktion durch regelmäßiges Training der entsprechenden Hirnfunktionen vermindert werden kann. Sein Versuchsaufbau allerdings bestand aus eher langweiligen Übungen, die von den Versuchspersonen nur sehr ungern durchgeführt wurden.

Aber Gazzelli wusste Abhilfe: Er tat sich mit seinem Freund Matt Omernick zusammen, der bei Lucas Arts beschäftigt war und unter anderem als Designer an Star Wars: The Force unleashed mitgewirkt hat. Zusammen mit einigen anderen Entwicklern machte sich die Gruppe an die Aufgabe, die von Gazelli entwickelten Übungen in spielerischer Form umzusetzen.

Aus diesen Versuchen heraus entstand NeuroRacer, bei dem der Spieler mit einem Auto über eine kurvige Straße fuhr und auf auftauchende Schilder reagiere. Studien mit älteren Probanden zeigten, dass diese nach 6 Monaten Training mit NeuroRacer eine deutlich bessere Konzentrationsfähigkeit aufwiesen. Neben ADHS-Patienten sollte das neu entwickelte Spiel auch bei Alzheimer-Patienten zum Einsatz kommen. Jedoch war das Design von NeuroRacer sehr einfach, und das Spiel sollte ja schließlich dazu dienen, Kinder zu regelmäßigem Training zu motivieren. Deshalb wurde noch zwei weitere Entwickler, Eddie Martucci und Eric Elenko, ins Boot geholt und das Projekt komplett überholt. Das Resultat war ein Spiel namens Project: Evo.

neuroracer
Proband spielt Neuroracer

Project Evo: Spielerische Behandlung von ADHS und Alzheimer

Project:EVO folgt läuft momentan nur auf Apples Betriebssystem iOS. Das Spielprinzip ist einfach: Der Spieler steuert eine Figur, die auf einem futuristischen Floß steht, das einen vereisten Fluss hinunterfährt. Es gilt, auf dem Fluss auftauchenden Hindernissen auszuweichen und gleichzeitig über dem Kopf der Spielfigur auftauchende Symbole anzutippen oder zu vermeiden.

Omernick hebt zwei wichtige Aspekte von Project: EVO hervor. Zum einen standen die Entwickler vor der Herausforderung, ein Spiel zu entwickeln, das sowohl für Kinder mit ADHS als auch für alte Erwachsene mit Alzheimer attraktiv sein. Zum anderen haben die Entwickler lange an dem richtigen Schwierigkeitsgrad gearbeitet. Anstatt eines linear ansteigenden Schwierigkeitsverlauf passt Project:EVO die Schwierigkeit nun im Verlauf des Spiels an. Alle 30 Sekunden vergleicht das Spiel den Erfolg des Spielers mit dem Schwierigkeitsgrad, um diesen dann anzupassen.

Project:EVO
Screenshot von Project: EVO

Erste Studien laufen bereits

Momentan wird Project:EVO in einer Studie an ADHS-Patienten getestet. Diese wird maßgeblich von dem Pharma-Unternehmen Shire finanziert, das einer der größten Hersteller von ADHS-Medikamenten ist. Shire investierte bereits nach der Gründung von Akili Interactive Labs eine größere Summe in das Unternehmen. Außerdem laufen Studien mit Alzheimer-Patienten.

Die Studie ist ein Teil des Prozesses, um Project: EVO von der FDA als medizintechnisches Hilfsmittel anerkennen zu lassen. Sollte dies Erfolg haben, kann Project: Evo in Zukunft von Ärzten in den USA auf Kosten der Krankenkassen zur Behandlung von ADHS und möglicherweise Alzheimer verschrieben werden. Ersten Überprüfungen von unabhängigen Wissenschaftlern zufolge könnte Project: EVO sich als probates Mittel zur Behandlung von exekutiven Dysfunktionen erweisen. Das Pharma-Unternehmen Pfitzer hat außerdem eine Studie mit 100-Probanden finanziert, in der untersucht werden soll, ob das Spiel eingesetzt werden soll, um gesunde Menschen auf ihre Tendenz hin zu untersuchen, Alzheimer zu entwickeln.

Project: Evo kann andere Behandlungsmethoden nicht ersetzen

Eines ist aber bereits jetzt klar: Project: Evo wird nicht in der Lage sein, andere Behandlungsmethoden von ADHS und Alzheimer zu ersetzen, sondern lediglich zur Unterstützung von Psycho- und Pharmakotherapie dienen.

Selbstverständlich können Spiele wie Project: Evo auch die kognitiven Funktionen von gesunden Menschen verbessern. Es wäre also mehr als erstaunlich, wenn Akili sich weiterhin nur auf den medizinischen Markt konzentrieren und das gewaltige Potential des normalen App-Markts links liegen lassen würde.

Teile den Artikel oder unterstütze uns mit einer Spende.
PayPal SpendeAmazon Spendenshopping

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.