Mit Hilfe eines neuen Verfahrens können Wissenschaftler feststellen, an welchen Virusinfektionen ein Mensch im Lauf seines Lebens litt. Bereits ein Tropfen Blut reicht aus, um mit einem Antikörper-Test den Viren auf die Schliche zu kommen.


Blutstropfen
Foto: precious drop, , Rosmary, Flickr, CC BY-SA 2.0

„VirScan“ sucht nach Antikörpern

Klassische Blutanalysen suchen nach einem bestimmten Keim, der sogenannte “VirScan” kann Hunderte verschiedener Antikörper aufspüren. “Wir haben eine Screening-Methode entwickelt, um im Blutserum von Menschen in die Vergangenheit zu schauen und zu sehen, welchen Viren sie ausgesetzt waren”, so Stephen Elledge von der Harvard Medical School in Boston.

Wie die meisten Virentests macht sich auch “VirScan” das körpereigene Immunsystem zunutze. Nach den Viren selber zu suchen ist teuer und zeitaufwändig, deshalb suchen Ärzte bei Bluttests nach Antikörpern gegen die Viren – Eiweiße, die an die Keime binden. Antikörper gegen Viren sind spezifisch. Die Anwesenheit des Antikörpers für einen bestimmten Virus beweist auch dessen Anwesenheit im Blut.


Entwicklung in drei Schritten

Die Entwicklung von “VirScan–2 fand in drei Schritten statt: Als erstes schleusten die Wissenschaftler DNA-Abschnitte von allen bekannten, für den Menschen relevanten Viren in sogenannte Bakteriophagen ein. Es handelt sich dabei um Viren, die andere Viren befallen. Wie die Forscher in ihrem Artikel für das Fachmagazin ”Science“ beschrieben, wandeln die Bakteriophagen die Viren-DNA in virale Eiweiße um, die an der Oberfläche gezeigt werden und als Andockstelle für Antikörper dienen.

Als nächstes brachten die Forscher die mit den Andockstellen versehenen Bakteriophagen in Kontakt mit dem Blut von Testpersonen. Wenn sich ein Patient im Laufe seines Lebens mit einem Virus infiziert hat, finden sich auch entsprechende Antikörper in seinem Blut. Diese Antikörper docken dann an den Phagen an.

Im letzten Schritt entfernten die Wissenschaftler alle Bakteriophagen ohne gebundene Antikörper und analysierten das Erbgut der verbliebenen Phagen. Auf Basis der in ihnen vorhandenen DNA-Abschnitte ließ sich feststellen, mit welchen Viren der jeweilige Proband infiziert war.

“VirScan” wurde nach der Entwicklung in einer Studie mit 569 Probanden aus den USA, Südafrika, Thailand und Peru. “Im Schnitt entdeckten wir Antikörper gegen zehn Virusarten pro Person”, heißt es in dem Artikel. Dabei fanden sich, wenig überraschend, in Kindern weniger Antikörper, da sie aufgrund der kürzeren Lebenszeit weniger Viren ausgesetzt waren. Bei HIV-Infizierten konnten dagegen überdurchschnittlich viele Antikörper gegen verschieden Viren identifiziert werden, was an dem durch die Krankheit beeinträchtigten Immunsystem liegt.

Das Verfahren ist aber nicht unfehlbar. So wurden verhältnismäßig wenige Grippe-Antikörper entdeckt, und auch Antikörper gegen das Polio-Virus wurden relativ selten identifiziert, obwohl beide Krankheiten unter der Bevölkerung der Länder, aus denen die Probanden stammten, relativ häufig sind.

Kein Test für die Behandlung von Patienten

Das ist eine aufwendige, beeindruckende Technik, mit der Möglichkeit, wenn man sie weiterentwickelt, große epidemiologische Studien zu machen”, erklärt Thomas Mertens, Präsident der Gesellschaft für Virologie, der nicht an der Studie beteiligt war.

Mertens sieht aber auch Schwächen in der Studie. So war die Gruppe der Probanden relativ klein. Außerdem erfasst “VirScan” lediglich lineare Epitope, nicht die weitaus komplexeren diskontinuierlichen Epitope.

Dieser Test ist nicht gedacht für die Diagnostik individueller Infektionen. Für den praktischen klinischen Alltag sehe ich derzeit noch keinen Nutzen”, so Mertens weiter. In Zukunft können mit “VirScan” vielleicht Zusammenhänge zwischen Viren und dem Auftreten bestimmter Krankheiten gefunden werden.

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