Eine notorische Unpünktlichkeit ist einer der größten Kritikpunkte an der Deutschen Bahn. Auch dieses Jahr sieht es nicht gut aus. Während die Pünktlichkeitswerte Anfang des Jahres noch ganz gut aussahen, kamen im Juli nur 72 Prozent aller ICE- und Intercity-Züge mit einer maximalen Verspätungstoleranz von 6 Minuten in die Bahnhöfe. Das müsse sich ändern, so die Konzernführung. Und um das zu ändern, will die Bahn bereits verspätete Züge opfern, um so weitere Verspätungen zu vermeiden.


Bild: Deutsche Bahn AG / Claus Weber

Pünktliche Züge dank „Opfer-Zügen“?

Die Pünktlichkeitswerte werden bei der Deutschen Bahn durchaus ernst genommen, weshalb in der Konzernspitze Aktionismus herrscht. Der Infrastrukturvorstand Ronald Pofalla will ein Experiment wagen. Hinter diesem Experiment steht die Theorie, dass viele Verspätungen durch überlastete Strecken in Regionen wie Hamburg, Köln und Frankfurt ausgelöst werden. Unpünktliche Züge würden die Slots anderer Züge blockieren und so quasi zu Verspätungskaskaden führen. Pofalla will darauf reagieren, in dem er bereits verspätete Züge eine Umleitung fahren lässt, damit diese nicht mehr die Slots anderer Züge belegen, die noch nicht verspätet sind. Ein so umgeleiteter ICE würde zwar selber noch mehr Verspätung ansammeln, aber andere Züge könnten so ohne Verzögerung und planmäßig fahren.

Internen Quellen zufolge stößt der Plan in dem Unternehmen durchaus auf Widerstand, soll aber auf vier Pilotstrecken ausprobiert werden. Auf den Strecken Dortmund-Köln und Mannheim-Frankfurt sollen noch in diesem Jahr Züge umgeleitet werden, während nächstes Jahr zwei weitere Strecken folgen werden.


Ärgerlich für Passagiere

Eines ist sicher: Selbst wenn der Plan von Pofalla die Bahn insgesamt pünktlicher machen wird, werden Passagiere, die in den umgeleiteten Zügen sitzen, die Maßnahme überhaupt nicht zu schätzen wissen. Denn sie wären es, die quasi für andere Reisende „geopfert“ werden würden. Aus Sicht der deutschen Bahn lohnt sich die Maßnahme so lange, wie der verspätete Zug nicht mehr als 59 Minuten Verspätung hat. Denn ab dann haben die Reisenden einen Anspruch auf eine Entschädigung.

Die Autorität Züge umzuleiten soll vorerst an zentrale Fahrplankoordinatoren in den Leitstellen übergeben werden. Später sollen die strecken mit der europäischen Leit- und Sicherheitstechnik ETCS ausgerüstet werden. Anstatt die Strecken wie heute in Gleisabschnitte aufzuteilen, die nur von einem Zug belegt werden dürfen, erlaubt ECTS engere Taktfrequenzen, da die Züge direkt miteinander kommunizieren. Aber bis ECTS auf den Strecken eingesetzt werden kann, werden noch Jahre vergehen. Bis dahin braucht die Deutsche Bahn Alternativen. Ronald Pofalla versucht, diese Alternativen zu schaffen.

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