An Menschen, die reden möchten, mangelt es nicht, doch echte Zuhörer sind Mangelware. In der Hamburger U-Bahn sitzt nun fünf Stunden pro Werkstag ein Mann in einem gläsernen Kiosk und bietet sich an, ganz Ohr zu sein. Er will kein Geld, muss niemanden etwas aufschwatzen. Sein Name: Christoph Busch. Seine Leidenschaft: Zuhören.


»Ich höre Ihnen zu. Jetzt gleich. Oder ein anderes Mal.«

Der Kiosk liegt mitten zwischen zwei Gleisen, früher gab es hier die üblichen Kiosk-Produkte zu kaufen. Dann stand der Glaskasten eine Weile leer, der Drehbuchautor Christoph Busch versuchte, ihn zu mieten. Leider ohne Erfolg, denn schon jemand anderes hatte zugeschlagen. Im Jahr darauf erhielt Busch eine zweite Chance, und diesmal gelang der Coup. Doch ganz sicher war sich Busch nicht, was er mit diesem Mietobjekt anfangen sollte, verkaufen wollte er jedenfalls nichts. Es dauerte eine Weile, bis er die Idee des Zuhör-Kiosks entwickelte, jetzt steht an dem Mini-Häuschen ganz groß zu lesen: »DAS OHR« und darunter: »Ich höre Ihnen zu. Jetzt gleich. Oder ein anderes Mal.« Außerdem erfährt der U-Bahn-Nutzer noch Buschs E-Mail-Adresse, seine Telefonnummer und die täglichen Öffnungszeiten, nämlich jeden Werktag von 9:30 Uhr bis 14:30 Uhr.


Ein Lächeln – und schon ist das Eis gebrochen

Da die Menschen sich zierten, in den Kiosk hineinzusehen, wenn Busch dort nur allein herumsaß, legte »der Zuhörer« Gegenstände in die Auslage: Fotoalben, allerlei Krimskrams und ein Stofftier. Nun sehen die Passanten das Häuschen nicht mehr als privat an, sondern blicken ungeniert durch die Scheiben. Busch schenkt ihnen dann ein Lächeln, und schon ist das Eis gebrochen. Diejenigen, die das Angebot annehmen, möchten oftmals einfach nur ihr Herz ausschütten oder Dinge aus ihrem Leben berichten. Auch psychisch Kranke kommen zu Busch in den Kiosk, der Zuhörer macht die ungewöhnliche Feststellung: »Mit Schizophrenen kann man unheimlich gut über Wahrheit reden.«

Seine Besucher erzählen nicht nur traurige Dinge oder beichten böse Taten, sondern es gibt auch ganz viel Lustiges und Mutmachendes. Der Andrang ist jedenfalls anhaltend groß. Es sieht ganz so aus, als habe Christoph Busch hier eine Marktlücke entdeckt, allerdings keine kommerzielle, sondern eine emotionale. Vielleicht sollten wir alle ein bisschen mehr werden wie er.

Quelle: deutschlandfunkkultur.de

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