Der Beschluss, dass Deutschland aus der Kernenergie aussteigen wird, kam recht überstürzt, und zwar als Reaktion auf die Atomkatastrophe von Fukushima 2011. Ein nicht unwesentlicher Teil der Bevölkerung betrachtete diesen Entschluss mit Sorge. 2011 kam ein Fünftel der deutschen Stromversorgung aus Atomstrom. Es gab die Befürchtung, dass sich dieser nicht einfach so ersetzen ließe. Doch eine neue Studie besagt, dass das deutsche Stromnetz den Atomausstieg locker wegstecken kann. Sogar ein Teil der Kohlekraftwerke könnte abgeschaltet werden.


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Energiewende gefährdet die Versorgungssicherheit nicht

Seit dem Beschluss aus dem Jahre 2011 wurden von den 17 Kernkraftwerken in Deutschland 8 abgeschaltet, die es zusammen auf eine Leistung von 9,7 Gigawatt brachten. Die restlichen acht Meiler sollen bis 2022 vom Netz werden, was den Ausstieg der Bundesrepublik aus dem Atomstrom komplett machen wird.


Eine Analyse, die im Auftrag des Ökostrom-Anbieters Greenpeace Energy von der Beratungsfirma Energy Brainpool durchgeführt wurde, kommt zu dem Schluss, dass die Energiewende ohne Einfluss auf die Versorgungsqualität bleibt.

Drei Faktoren sprechen für den Erhalt der Versorgungssicherheit

Die Autoren der Analyse stützen ihre Aussage auf drei verschiedene Indikatoren, anhand derer sie die Versorgungssicherheit im Zeitraum des Atomausstiegs beurteilen.

Zum einen wäre da der System Average Interruption Duration Index (SAIDI), der die Zuverlässigkeit von Stromversorgungsunternehmen beurteilt und einmal pro Jahr von der Bundesnetzagentur erstellt wird. Dieser Index zeigt seit 2006 eine Verringerung der durchschnittlichen Versorgungslücke, eine Entwicklung, die sich laut der Analyse auch weiter fortsetzen wird, wenn weitere Meiler vom Netz genommen werden.

Ein weiterer Faktor ist das Konzept der gesicherten Leistung, das die Einspeise- und Lastsituation zu einem bestimmten Zeitpunkt vergleicht und dabei annimmt, das die Reserven ihren geringsten Wert und die zu deckende Last ihren höchsten Wert annehmen. Das Konzept beschreibt also sozusagen die kritischste Situation in der Versorgung im deutschen Stromnetz. Die Autoren gehen davon aus, dass eine Reserveleistung von 10 GW verbleibt. So könne etwa Windkraft eine gesicherte Leistung von 7 Prozent beitragen, und auch Biomasse erhöht die Flexibilität des Netzes.

Als drittes zogen die Autoren den Einsatz von sogenannter Regelleistung heran. Von Regelleistung wird im Energiesektor gesprochen, wenn kurzfristig Einspeisungen durch die Stromnetzbetreiber notwendig werden. Der Bedarf an solchen Regelleistungen sei seit 2011 stetig gesunken.

Auch Kohlekraftwerke könnten ersetzt werden

Jedoch macht die Analyse keine Aussage darüber, wie sehr der Ausstieg aus der Kernenergie sich auf die Versorgungssicherheit überhaupt auswirkt. Denn diese ist auch noch von anderen Faktoren abhängig, wie etwa eine intelligente Steuerung des Stromnetzes sowie sein Ausbau und seine Verstärkung.

Die Studie zeige jedoch deutlich, dass ein hoher Anteil an konventioneller Erzeugungsleistung wie etwa aus Kernkraft kein hohes Niveau an Versorgungsleistung garantiere.

Theoretisch, so die Autoren, könnten sogar die Kohlekraftwerke, die heute als Reserve für abgeschaltete AKWs dienen, schrittweise ausgeschaltet und ersetzt werden. „Bereits 2020 kann eine effiziente Steuerung bei Biomasseanlagen, Haushalten und Industrieanlagen die Spitzennachfrage um bis zu 4,4 Gigawatt reduzieren„, so Thorsten Lenck, der die Studie leitete. Die Folge: Kohlekraftwerke müssten nur noch selten eingesetzt werden, um die Versorgungssicherheit zu gewährleisten.

Worüber die Autoren sich jedoch ausschweigen: Ein Teil des Strommixes in Deutschland kommt auch aus Stromimport aus dem Ausland. Dieser Strom wird auch in AKWs produziert. Auch nach dem Atomausstieg wird sich also Strom aus Atomkraftwerken im deutschen Netz wiederfinden – er wird nur nicht mehr aus deutschen Kraftwerken kommen.

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1 Kommentar

  1. Karl Köster

    9. September 2016 at 12:26

    Aktuell exportiert Deutschland massiv Strom ins Ausland. Wenn dieser Export betrachtet wird, können die verbleibenden ca. 10 % Kernenergie sofort abgeschaltet werden. Des Weiteren ließen sich die derzeitigen Kapazitäten der ökologisch sehr fragwürdigen Braunkohlekraftwerke überwiegend jetzt schon durch Gaskraftwerke ersetzen. An dieser Stelle entscheidet nicht der Umweltgedanke, sondern der betriebswirtschaftliche Punkt (Gewinne, Arbeitsplatzsicherheit, Verwaltungsratvergütung, …) der großen Energielieferanten.

    Eine sehr gute Einsicht der Stromenergielieferung bietet die Seite https://www.energy-charts.de, die ich regelmäßig einsehe und die mittels Folien viele Zusammenhänge verdeutlicht.

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