Der Kinderpsychiater Dr. Michael Winterhoff ist immer für eine provokante Aussage gut. In seinem Buch „Warum unsere Kinder Tyrannen werden“ schrieb er, dass erst der Einfluss der Eltern Kinder zu kleinen „Tyrannen“ werden lasse. Nun plädiert der Psychiater für eine „Wiederentdeckung der Kindheit“ und eine Rückkehr zu einem autoritären Erziehungsstil.


Kinder werden zu schnell zu Erwachsenen

Wer seine Kinder von vornherein wie junge Erwachsene behandelt, der beschwört eine problematische Entwicklung hervor, so Winterhoff. Die Folge sei fehlende Frustrationstoleranz. Das erste Buch des 62-jährigen trägt den Titel „Warum Kinder zu Tyrannen werden“ und ist durchaus umstritten.


Winterhoff stellte im Rahmen seiner Praxis fest, dass Kinder sich im Vergleich zu früher sehr verändert haben. Den Grund dafür sieht er darin, dass viele Eltern notwendige Schritte in der Entwicklung ihrer Kinder nicht mehr zuließen. „Wenn Kinder Auffälligkeiten haben, dann liegt das an den Eltern und an der Gesellschaft. Seit Mitte der 90er zunehmend, heute ausschließlich, sind die Blockaden der Eltern begründet in gesellschaftlichen Veränderungen“, schreibt der Psychiater. Das Problem trete nicht nur in Familien auf, sondern auch in Kindergärten und Schulen. Wenn Kindern zu früh zu viele Entscheidungen überlassen werden, führe das zu einer problematischen inneren Haltung, so Winterhoff weiter. „Die fliegen frei durchs Gelände, können sich den ganzen Tag aussuchen, was sie machen wollen. Das ist fatal, weil sie kein Gegenüber haben, weil sie keine Strukturen erleben können. Wenn Sie den Grundschulunterricht nehmen, der eine Katastrophe für mich darstellt, ein Thekenunterricht, wo sich Kinder viele Dinge selbst beibringen sollen – das ist eine falsche Sicht auf Kinder, da werden nicht mehr Kinder in ihrer Bedürftigkeit gesehen, sondern sie werden schon zum Erwachsenen gemacht“, erklärt der Autor.

Problem Digitalisierung

Die Forderungen von Winterhoff sind auch deshalb nicht unumstritten, weil er in einer Zeit groß wurde, in der Schläge noch als adäquates Erziehungsmittel galten. Eltern sollten ihre Kinder zugewandt und aufmerksam, aber auch mit Klarheit führen und ihnen dabei dennoch die Freiheit geben, ihre Kindheit zu genießen, fordert der Psychiater in seinem neuen Buch „Wiederentdeckung der Kindheit“. In diesem geht es auch darum, dass oft eher die Eltern als die Kinder behandlungsbedürftig seien, weil sie ihre Intuition verloren hätten. Als problematisch sieht Winterhoff auch unsere digitale Lebensweise: „Der Erwachsene verändert sich in dieser digitalen Welt, weil er sich dauernd überfordert, immer mehr, und schafft damit immer ungünstigere Bedingungen für das Kind sich entwickeln zu können. (…) Vor der digitalen Zeit war für unsere Psyche das Leben quasi ein Segen. Wir hatten immer mehr Zeit für uns.Dann hat uns die digitale Revolution quasi überrollt. Für mich geht es darum, dass wir noch nicht in der Lage sind, mit der digitalen Zeit umzugehen. (…) Die Gefahr ist, dass wir unserer Psyche keine Möglichkeit geben zu regenerieren“, so Winterhoff weiter.

Sein Vorschlag, um mit den permanenten Herausforderungen unserer Zeit besser umzugehen, ist, sich und seinen Kindern Zeit abseits der digitalen Welt zu gönnen und etwa mehrere Stunden allein und ohne Handy durch dein Wald zu gehen. Dabei lerne man, wieder zu agieren, statt bloß zu reagieren.

"

Teile den Artikel oder unterstütze uns mit einer Spende.
PayPal SpendeAmazon Spendenshopping

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.