Antibiotika in der Tierhaltung haben fatale Nebenwirkungen. Sie finden sich manchmal im Trinkwasser, wenn auch nur in Spuren. Das hilft jedoch Bakterien, gegen die Präparate Resistenzen zu entwickeln, die sie bekämpfen sollen. Immer häufiger sind Ärzte gegenüber Infektionen machtlos, weil die Gegenmittel nicht mehr helfen.


Im Darm fängt die Gesundheit an

Wenn sich eine Entwicklung des Essener Spezialchemie-Konzerns Evonik durchsetzt, sind in der Tierhaltung künftig keine Antibiotika mehr nötig. Probiotika, die sich im Darm – vorerst von Hühnern – einnisten, sollen deren Immunsystem stärken, sodass es aus eigener Kraft mit den Krankheitserregern fertig wird. „Ein erfolgversprechender Ansatz ist die Entwicklung von Alternativen zu Antibiotika und antibiotischen Wachstumsförderern“, sagt Emmanuel Auer, Leiter des Geschäftsgebiets Animal Nutrition von Evonik. „Futtermittelzusätze wie Probiotika spielen dabei eine entscheidende Rolle.“ Probiotika sind natürliche Organismen, die sich im Darm ansiedeln.
Evonik stellt unter anderem Aminosäuren für die effiziente und gesunde Tierernährung her. Diese sollen jetzt durch maßgeschneiderte Probiotika ergänzt werden. Um flotter voranzukommen kaufte Evonik im Juli das Probiotikageschäfts des spanischen Unternehmens Norel, einem führenden Anbieter derartiger Präparate.

Verdauungstrakt im Labor

Um ihr Ziel zu erreichen, haben Wissenschaftler der beiden Unternehmen ein Simulationsmodell für den Hühnerdarm entwickelt. Das sieht in keiner Weise dem Original ähnlich, denn es besteht aus diversen Glasgefäßen, die über Schläuche verbunden sind. Jedes Gefäß beinhaltet ein Milieu, das einem spezifischen Abschnitt des Verdauungstraktes entspricht. Dieses Modell füttern die Entwickler mit Probiotica. Es liefert umgehend Erkenntnisse darüber, was der gerade eingesetzte Organismus leisten kann. „Mit dem Hühner-Darmsimulationsmodell können wir erstmalig im Labor das hochkomplexe Wechselspiel zwischen Ernährung und Darmbakterien verstehen sowie die Interaktion der Mikroben mit dem Immunsystem untersuchen,“ sagt Stefan Pelzer, Leiter des Evonik-Innovationbereichs „Gut Health & Diagnostics“ Bisher wird die Wirkung in Tierversuchen ermittelt.


100 Milliarden Bakterien pro Tier

Die Forscher wollen zusätzlich wissen, welche Bakterien – im Hühnerdarm siedeln im Normalfall rund 100 Milliarden dieser Mikroorganismen – welche Leistungen erbringen, etwa die Produktion von gesunderhaltenden Vitaminen oder die gezielte Verwertung von Futterbestandteilen. Die effektivsten Organismen sollen dann unterstützt werden. Tiergesundheit ohne Medikamente ist das Ziel. Später könnten die Erkenntnisse dazu führen, dass auch andere Tiere, die jetzt noch mit Antibiotika traktiert werden, auf Probiotika umgestellt werden.

Teile den Artikel oder unterstütze uns mit einer Spende.
PayPal SpendeAmazon Spendenshopping

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.