London, Madrid, Brüssel, Istanbul, Berlin, Paris, Barcelona – die Liste der Metropolen, die in von terroristischen Anschlägen heimgesucht wurden, wird immer länger. Gleichzeitig berichten die Medien immer häufiger über Gewalttaten und Übergriffe in den Großstädten. Die Folge ist ein Gefühl der Unsicherheit, das sich in der Bevölkerung breitmacht. Für mehr Sicherheit im öffentlichen Raum testen Polizeiorganisationen weltweit Technologien, wie sie unter anderem der Hitachi-Konzern anbieten. Trends der Zukunft sprach mit Jürgen A. Krebs* von Hitachi Vantara über den „Predictive Crime”-Ansatz des Unternehmens.


Trends der Zukunft: Predictive Crime, also vorbeugende Verbrechensbekämpfung, weckt schnell Assoziationen an eine Überwachung wie in Orwells „1984” oder im Film „Minority Report”. Was antworten Sie auf diese Bedenken?


Jürgen Krebs: Orwell hat eine gleichgeschaltete Gesellschaft skizziert, die das Leben der Bürger bis in das Private hinein durchleuchtet. Die Gesetzgebung ist heute an einem Punkt, welche einen durch Technologie gedopten Überwachungsstaat verbietet. Unser Ziel ist es, die Behörden und die Sicherheitsorgane mit einer möglichst optimalen Technologie zu versorgen. Dies wiederum erfüllt das Bedürfnis der Bürger nach mehr Sicherheit im öffentlichen Raum und hilft zudem Kosten einzusparen. Dazu nutzen wir keine Mutanten mit besonderen Fähigkeiten wie in Minority Report, sondern Daten und das Internet der Dinge.

Trends der Zukunft: Welche Datenquellen und Informationen nutzen Sie dabei?

Jürgen Krebs: Unsere Hitachi Visualisation Suite enthält das Hitachi Visualization Predictive Crime Analytics Modul, kurz PCA, und ist damit in der Lage, Datenströme von jedem netzwerkfähigen Gerät aufzunehmen und zu verarbeiten. Der Fokus im Bereich der öffentlichen Sicherheit liegt sicherlich bei den Kameras, aber auch bei Wärmesensoren oder akustischen Sensoren. Viele der so gesammelten Informationen werden auch für Smart-City-Initiativen genutzt, etwa zur Verkehrssteuerung. Die eigentliche Verarbeitung der Daten kann zusätzlich durch die Anwendung künstlicher Intelligenz ergänzt werden, um so mögliche Muster zu erkennen. Menschen oder Expertensysteme sind bei der enorm großen Anzahl der sich gleichzeitig ändernden Variablen überfordert. Unser System ist also in der Lage, Daten wie beispielsweise das Wetter, Soziale Medien (Social Monitoring), die Lage (Nähe zu Schulen oder öffentlichen Plätzen) oder Notrufe miteinander zu verknüpfen. Aber in der Polizeiarbeit geht es ja nicht nur um die Verbrechensbekämpfung. Diese Technologie bietet auch einen großen Vorteil, wenn es darum geht, sich bei Unfällen oder Notrufen in Echtzeit einen Überblick zu verschaffen, um möglichst zeitnah die optimalen Maßnahmen einzuleiten.

Trends der Zukunft: Kameras spielen demnach eine wichtige Rolle in ihrem Konzept, aber die erfassten Informationen gehen doch über den Einsatz von Überwachungskameras weit hinaus.

Jürgen Krebs: Eine Videokamera ist wie ein Auge, ein Mikrofon wie ein Ohr. Unsere Plattform dient dem „einfachen” Gerät quasi als Gehirn. Im Prinzip kann eine beliebig vorhandene Infrastruktur mit verschiedensten Eingabegeräten durch PCA angereichert werden. Hitachi bietet auch eigene Geräte, die mit verschiedenen Sensoren bestückt werden können. Die Gehäuse sehen ungefähr so aus wie der Roboter Eve im Pixar-Film WALL-E und können mit zwei statischen oder einer beweglichen Kamera ausgerüstet werden, die automatisch oder remote bewegt werden kann. Eine hochauflösende Nummernschilderkennung kann ebenso eingebaut werden wie Sensoren zur Erkennung radioaktiver Isotope. Die Besonderheit an unseren Geräten ist, dass viele Daten direkt verarbeitet werden können und nicht über das Netzwerk transportiert und gespeichert werden müssen.

Trends der Zukunft: Wie kann man sich das praktisch vorstellen?

Jürgen Krebs: Nehmen Sie beispielsweise die Erkennung von Autokennzeichen: Es ist nicht sinnvoll, alle erfassten Kennzeichen zu speichern. Wichtig ist, ein vorab als gestohlen gemeldetes Kennzeichen direkt zu melden. Ähnlich funktioniert das bei der Gesichtserkennung. Sie können ein Foto z.B. eines vermissten Kindes im System erfassen und die Kameras melden den Standort, sobald sie eine Übereinstimmung feststellen. Diese Verarbeitung vor Ort wird im Fachjargon als „Edge Computing” bezeichnet. Die Ergebnisse fließen in eine grafische Übersicht am Leitstand ein, so dass die Mitarbeiter dort sich jederzeit einen Überblick verschaffen und sich auf die dringlichen Themen konzentrieren können.

Trends der Zukunft: Abgesehen von der reinen Rechenleistung – welche Vorteile bietet der Machine-Learning-Ansatz?

Jürgen Krebs: Der klassische Ansatz in der Polizeiarbeit wäre der, dass polizeiliche Ermittler Modelle zur Vorhersage von Verbrechen entwickeln, die auf ihren eigenen Erfahrungen beruhen. Dabei würden beispielsweise bestimmte Orte definiert und die sozialen Netze auf Slang-Wörter beispielsweise für Drogen gescannt. Unser Ansatz ist ein anderer: Wir lassen all diese Faktoren zwar auch mit einfließen, lassen aber gleichzeitig die künstliche Intelligenz nach weiteren Anhaltspunkten suchen und die Bewertung vornehmen. Der Vorteil der Maschinen ist, dass sie völlig unvoreingenommen an die Sache herangehen und damit neue Wege aufzeigen können. Aus technischer Sicht ist das aber erst seit kurzer Zeit überhaupt möglich, weil erst Cloud-Services praktisch grenzenlose Speicher- und Rechenressourcen verfügbar und bezahlbar machen.

Trends der Zukunft: Welche Rollen spielen die sozialen Medien bei der Vorhersage von Verbrechen?

Jürgen Krebs: Aus unserer Erfahrung eine große! In verschiedenen Projekten haben wir festgestellt, dass die Einbeziehung von Social Media als Quelle die Genauigkeit der Prognosen um rund 15 Prozent verbessert. Unsere Plattform nutzt modernes „Natural Language Processing” (NLP), ist also in der Lage, Umgangssprache zu verstehen. Wir können beispielsweise alle Tweets aus einer bestimmten Region durchsuchen und dabei Begriffe herausfiltern, die das Geschehen beschreiben. Gangs nutzen leider nicht immer die Begriffe, von denen wir es glauben, aber unsere Technologie kann erkennen, wenn bestimmte Worte häufig außerhalb des normalen Kontextes verwendet werden – was ein Anzeichen für einen Code sein kann.

Trends der Zukunft: Bei Minority Report ging das mit den Vorhersagen irgendwann ziemlich schief. Sehen Sie auch Risiken, wenn Maschinen menschliches Verhalten prognostizieren sollen?

Jürgen Krebs: Bei PCA geht es ja nicht darum, Menschen aufgrund bestimmter Trigger zu diskriminieren oder gar prophylaktisch zu inhaftieren. Das Gegenteil trifft zu, denn Praktiken wie das kontrovers diskutierte „Stop & Frisk” in New York City, bei dem die Polizei Menschen in bestimmten Vierteln ohne Grund anhalten und durchsuchen darf, werden obsolet, wenn Daten als Grundlage dienen. Dennoch steht bei unseren Systemen letztendlich immer der Mensch im Vordergrund, der die vorgeschlagene Vorgehensweise des Systems akzeptieren und in seinem Entscheidungsrahmen umsetzen – oder auch einen anderen Weg wählen – wird.

Trends der Zukunft: Die entscheidende Frage zum Schluss – funktioniert Hitachis Ansatz zur Verbrechensbekämpfung denn auch in der Praxis?

Jürgen Krebs: Das ist in der Tat aufgrund der für solche Systeme noch recht kurzen Laufzeit nicht ganz einfach zu beantworten. Wir wissen, dass unsere Lösung als technische Basis auch in großem Maßstab zuverlässig funktioniert. Bei New York Waterway, dem Betreiber der Fährverbindungen in New York und New Jersey, haben wir Gateways installiert, um 350 Kameras und Sensoren zu vernetzen und Bilder und Daten entlang mehrerer Hundert Meilen an Wasserwegen konstant live zu übertragen. So konnten unter anderem die Sicherheit der Passagiere und die betriebliche Effizienz allgemein erhöht werden. Verschiedene Polizeistationen nutzen PCA mittlerweile auch in groß angelegten Tests, etwa in Moreno Valley in Kalifornien und Austin/ Texas. Das Feedback ist durchweg sehr positiv, aber wir können hinsichtlich konkret verhinderter Verbrechen noch keine validen Aussagen treffen. Es zeichnet sich aber sehr klar ab, dass Entscheidungen der „Teams on Duty“ inzwischen wesentlich schneller durch eine verbesserte Faktenlage getroffen werden können.

* Jürgen Krebs ist CTO EMEA Central Region bei Hitachi Vantara

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1 Kommentar

  1. Kai

    10. März 2018 at 11:56

    „Die Gesetzgebung ist heute an einem Punkt, welche einen durch Technologie gedopten Überwachungsstaat verbietet.“ Ich habe laut gelacht.

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