Antananarivo, New York und Berlin werden in der Regel eher selten in einem Atemzug genannt. Alle drei Metropolen haben aktuell aber mit demselben Problem zu kämpfen: Einer Masern-Epidemie. Die Weltgesundheitsorganisation WHO spricht inzwischen sogar schon von einer „globalen Krise“. Im Detail mögen sich die Ursachen für den Ausbruch der Krankheit jeweils unterscheiden. Allen Fällen ist aber gemeinsam: Die Masern-Ausbrüche hätten leicht verhindert werden können. Denn bereits seit den 1960er Jahren steht ein Impfstoff zur Verfügung. Sobald mehr als 95 Prozent aller Personen geimpft wurden, setzt die sogenannte Herdenimmunität ein: Die Krankheit kann sich dann nicht mehr ausbreiten. Deutschland liegt bei der entscheidenden zweiten Masernimpfung allerdings unter diesem Wert.


Die Impfmüdigkeit hat viele Ursachen

Die Gründe dafür sind vielfältig. So treten Impflücken teilweise bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen auf, die schlicht nicht zum Arzt müssen und das Thema aus dem Blick verlieren. Eine immer größere Rolle spielen aber auch Eltern, die ihre Kinder nicht mehr impfen lassen wollen. Schaut man sich in den sozialen Medien um, braucht man nicht lange nach solchen Impfgegnern zu suchen. So war bei uns auf der Facebook-Seite erst kürzlich wieder von „Impffaschismus“ die Rede. Doch wer entwickelt und produziert eigentlich unsere Impfstoffe? Und: Wie erfolgreich sind diese wirklich? Um solche und ähnliche Fragen zu klären, haben wir in der belgischen Stadt Wavre Europas größte Impffabrik besucht.

Was ist eigentlich Herdenimmunität?
Viele Krankheiten breiten sich wie eine Art Lauffeuer aus und springen von Mensch zu Mensch. Ein Feuer kann sich aber nicht weiter ausbreiten, wenn kein brennbares Material mehr zur Verfügung steht. Bei Waldbränden wird daher oft versucht, entsprechende Schneisen zu schlagen. Bei Krankheiten kann selbiges durch eine hohe Impfrate gelingen. Ein Krankheitserreger trifft dann nur noch auf geimpfte Personen und kann sich nicht weiter ausbreiten – die sogenannte Herdenimmunität wurde erreicht. 

In Schutzkleidung in die heiligen Hallen

Diese gehört dem britischen Konzern GlaxoSmithKline und beschäftigt zwischen 8.000 und 9.000 Menschen. Unter anderem wird hier ein Impfstoff gegen Masern hergestellt, der unter dem Handelsnamen Priorix bekannt ist. Wir hingegen schauten uns die Produktion von Rotarix – einem Impfstoff gegen humane Rotaviren – aus der Nähe an. Die wichtigste Erkenntnis gleich zu Beginn: Die Produktion erfolgt in einem Reinraum. Was simpel klingt, bedeutete für uns: Raus aus den eigenen Kleidern und rein in spezielle Schutzkleidung – auch Haarnetz und Brille durften dabei nicht fehlen. Diese Prozedur müssen nicht nur Besucher durchlaufen, sondern alle Mitarbeiter in den Produktionsräumen – und zwar jedes Mal, auch wenn sie nur etwas essen oder auf Toilette gehen möchten.


Die Automatisierung hat auch die Impfproduktion erfasst

Vor Ort fällt allerdings sofort ins Auge, dass ein Großteil der Prozesse inzwischen automatisiert wurde. Die einzelnen Impfdosen werden also nicht per Hand abgefüllt. Stattdessen wird der eigentliche Impfstoff in einem Kühlraum gelagert und über ein Leitungssystem zur Abfüllanlage transportiert. Dort befüllt die Anlage pro Minute hunderte kleine Fläschchen. Anschließend wandert der Impfstoff über mehrere Stationen. Unter anderem werden die einzelnen Gefäße noch mit einem Etikett versehen. Verschiedene weitere Maschinen prüfen zudem, ob kleine Risse oder eine Fehlbefüllung zu finden sind. Wichtig zu wissen: Jede Anlage wird ausschließlich zum Abfüllen eines Impfstoffs verwendet. Eine Verunreinigung mit anderen Medikamenten und Impfstoffen ist daher ausgeschlossen.

Hohe Auflagen müssen erfüllt werden

Was aber machen dann die Mitarbeiter in der Produktionsanlage? Neben Verwaltung und Forschung sind sie vor allem für die Qualitätskontrolle zuständig. Tatsächlich haben die zuständigen Experten bei GlaxoSmithKline errechnet, dass nur rund dreißig Prozent der Zeit für die eigentliche Produktion der Impfstoffe benötigt wird. Die restlichen siebzig Prozent bestehen aus Tests, Dokumentationspflichten und anderweitigen Kontrollen. Man kann sich also ziemlich sicher sein, dass am Ende auch tatsächlich nur der gewünschte Impfstoff in den dazugehörigen Gefäßen landet. Diese Kontrollen sind Voraussetzung, damit die produzierten Impfstoffe überhaupt verkauft werden dürfen.

GlaxoSmithKline
Das britische Pharmaunternehmen GlaxoSmithKline beschäftigt weltweit rund 95.000 Mitarbeiter und erwirtschaftet einen Umsatz von über dreißig Milliarden britischen Pfund. Der Gewinn nach Steuern im Jahr 2018 lag bei 3,6 Millionen Pfund. Das Portfolio des Konzerns umfasst über vierzig Impfstoffe. Täglich werden damit mehr als zwei Millionen Menschen in 160 Ländern versorgt.

Edward Jenner und die Entwicklung des ersten Impfstoffes

An dieser Stelle lohnt es sich, eine Zeitreise in das 18. Jahrhundert zu unternehmen, um zu klären, was Impfstoffe überhaupt sind. Schon 1796 infizierte der englische Arzt Edward Jenner – nicht verwandt oder verschwägert mit der ersten Selfmade-Milliardärin – einen Jungen mit den vergleichsweise harmlosen Kuhpocken. Der Trick funktionierte tatsächlich: Der Proband entwickelte eine Immunität gegen die deutlich gefährlicheren Pocken, die damals zu den tödlichsten Krankheiten überhaupt zählten. Später waren die Pocken die erste – und bis heute einzige – Krankheit, die von der Weltgesundheitsorganisation WHO ausgerottet werden konnte. Die Vorgehensweise von Jenner stellt bis heute die Grundlage aller Impfstoffe dar: Der Körper wird mit Teilen oder einer veränderten Form des Krankheitserregers konfrontiert – was zu einer Aktivierung des Immunsystems führt.

Impfstoff vs. Medikament

Hier liegt auch der Unterschied zu Medikamenten. Diese basieren nämlich nicht auf dem Krankheitserreger, sondern bekämpfen lediglich dessen Auswirkungen. Sie werden daher auch erst nach der Infektion mit einer Krankheit verabreicht. Bei GlaxoKlineSmith wird inzwischen allerdings daran gearbeitet, diese klare zeitliche Trennung zu überwinden. Konkret forschen die Wissenschaftler dort an einem Impfstoff gegen die chronisch obstruktive Lungenerkrankung. Die Besonderheit: Dieser soll auch noch verabreicht werden können, wenn die Krankheit bereits ausgebrochen ist. In diesem Fall kann man von einem therapeutischen Impfstoff sprechen. Aktuell befindet sich das Projekt allerdings noch in der Phase der klinischen Studien. Bis zur Markteinführung dürften daher noch einige Jahre vergehen – und auch ein Scheitern ist keineswegs ausgeschlossen.

Was kostet die Entwicklung eines Impfstoffes?
Die Entwicklung eines Impfstoffes nimmt nicht nur viel Zeit in Anspruch, sondern kostet auch viel Geld. So spricht die österreichische Ärztezeitung von Kosten zwischen 300 und 800 Millionen Euro. Neben den eigentlichen Entwicklungskosten schlagen dabei auch die umfangreichen klinischen Studien zubuche. So müssen für eine Testphase mit einigen tausend Probanden mindestens 50 Millionen Euro eingeplant werden. Bei mehr Teilnehmern wird es naturgemäß noch teurer.

Die Mehrzahl der potentiellen Impfstoffe fällt durch

Bevor ein Impfstoff auf die Menschheit losgelassen wird, muss er zunächst seine Wirksamkeit und seine Verträglichkeit unter Beweis stellen. Dies geschieht am Anfang im Labor – unter anderem mithilfe von Tierversuchen. Weil diese sich aber nicht komplett auf den Menschen übertragen lassen, sind anschließend klinische Studien mit menschlichen Probanden vorgeschrieben. Diese Tests laufen in drei Phasen ab, wobei sich die Zahl der Teilnehmer immer weiter erhöht: Von weniger als hundert in der ersten Phase bis auf bis zu 10.000 in der dritten Phase. Erst wenn es dabei zu keinen Auffälligkeiten kommt, wird dem Impfstoff eine Zulassung erteilt. Dass das ganze Verfahren nicht auf die leichte Schulter genommen werden kann, beweisen zwei Fakten:

1. Selbst im besten Film dauern die klinischen Studien mehrere Jahre. Teilweise kann sich der Zeitraum auch über Jahrzehnte erstrecken.

2. Bis zu 70 Prozent der Impfstoffe fallen schlicht durch und erhalten keine Marktzulassung.

Das Dengue-Fieber und die Masern auf den Philippinen

Dass diese ausführlichen Tests im Vorfeld von entscheidender Bedeutung sein können, zeigt ein Beispiel auf den Philippinen. Dort wurde ein relativ neuer Impfstoff gegen das Dengue-Fieber verabreicht. Dabei zeigte sich, dass eine vergleichsweise harmlose – aber in dieser Form nicht erwartete – Nebenwirkung auftrat. Das Impfprogramm wurde daraufhin abgebrochen. Dies hatte Folgen weit über die Dengue-Impfung hinaus. So vermutete Ole Wichman vom Robert-Koch-Institut gegenüber dem Deutschlandfunk, dass dadurch das Vertrauen in das nationale Impfprogramm insgesamt gesunken ist. Dies hatte zur Folge, dass sich auch die Impfquote bei Masern verringerte – was letztlich zum Ausbruch der Krankheit führte. Klar ist aber auch: Die Hersteller sind hier in einem Zwiespalt: Auf der einen Seite müssen die Nebenwirkungen so gut wie möglich erforscht werden. Auf der anderen Seite warten viele Menschen händeringend auf eine Impfung gegen möglicherweise tödliche Krankheiten.

Bild: Ruben Ortega [CC BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)]

Cristiano Ronaldo und der kausale Zusammenhang

Ist der Impfstoff schließlich auf dem Markt, werden mögliche Nebenwirkungen auch weiterhin beobachtet. Allerdings muss ein konkreter Zusammenhang nachgewiesen werden. Ein rein temporaler Zusammenhang ist hingegen nicht ausreichend. Ein Beispiel macht den Unterschied klar: So haben Statistiker zuletzt darauf hingewiesen, dass Cristiano Ronaldo nur dann das Champions-League-Halbfinale erreicht, wenn im selben Jahr kein neuer Toy Story Film in die Kinos kommt. Fußballfans und Filmkenner wissen allerdings: Die beiden Ereignisse haben nichts miteinander zu tun. Es handelt sich also um Zufall. Oder in der Fachsprache: Um einen kausalen Fehlschluss. In diesem Fall ist es natürlich vergleichsweise einfach zu erkennen, dass kein Zusammenhang besteht. Bei dem deutlich komplexeren menschlichen Körper ist man hingegen geneigt, zeitlich nah beieinander liegende Ereignisse auch miteinander zu verknüpfen.

Die Keuchhusten-Impfung und der plötzliche Kindstod

Einen ähnlichen Effekt gab es in den 1980er Jahren bei der Einführung eines neuen Impfstoffes gegen Keuchhusten in Frankreich. Mit der Einführung der Impfung nahm auch die Zahl der Babys mit plötzlichem Kindstod zu. Der Grund dafür war aber nicht die Impfung, sondern eine Empfehlung, die Kinder auf dem Bauch schlafen zu lassen. Als stattdessen genau davor gewarnt wurde, verringerten sich die Fälle von plötzlichem Kindstod wieder – obwohl auch weiterhin geimpft wurde. Damit war klar: Die vermeintlichen Nebenwirkungen der Impfung basierten auf einem völlig anderen und nicht damit in Verbindung stehenden Ereignis. Wer sich also mit den Nebenwirkungen von Impfungen beschäftigt, muss diese Unterscheidung zwischen kausalem und temporalem Zusammenhang stets im Hinterkopf behalten.

Donald Trump und die Nebenwirkungen

Auch dann lässt sich allerdings nicht bestreiten, dass Impfungen Nebenwirkungen haben. Die allermeisten sind harmlos und auf jeden Fall weniger gefährlich als die eigentliche Krankheit. In extrem seltenen Fällen kann es aber auch zu schweren Komplikationen kommen. Hierbei sind aber zwei Dinge zu beachten:

1. Die Zahl der tatsächlichen Fälle liegt deutlich niedriger als oftmals propagiert. So konnte nachgewiesen werden, dass kein Zusammenhang zwischen Impfungen und Autismus besteht – auch wenn der mächtigste Mann der Welt einen Fall kennen will. Belastbare Zahlen gibt es stattdessen bei der Weltgesundheitsorganisation.

2. Die Belastungen durch Impfungen sind in den letzten Jahren beständig gesunken, weil immer weniger Teile des Erregers für eine erfolgreiche Impfung benötigt werden. Auch wenn heute deutlich mehr Impfungen verabreicht werden als in der Vergangenheit, ist die Menge an Antigenen insgesamt dennoch geringer. Auch hier irrt Donald Trump also.

Der Segen von Impfungen

Ebenso wie die Nebenwirkungen sind allerdings auch die Erfolge von Impfungen ausführlich dokumentiert. So konnten – wie bereits erwähnt – die Pocken weltweit ausgerottet werden. Europa gilt inzwischen auch als komplett frei von der Kinderlähmung Polio. Bei anderen Krankheiten konnte zumindest eine massive Reduktion erreicht werden. So sank die Zahl der Masern-Infektionen zwischen 1997 und 2009 von 215.767 Fällen auf nur noch 7.499 Erkrankungen. Ein ähnlicher Rückgang war auch bei den Röteln zu verzeichnen. Diese Erfolge tragen allerdings auch zur Impfmüdigkeit bei. Denn je stärker der Schrecken einer Krankheit verblasst, desto eher rücken die echten und vermeintlichen Nebenwirkungen der Impfung in den Fokus. Impfungen sind daher gewissermaßen auch Opfer ihres eigenen Erfolgs geworden.

Teile den Artikel oder unterstütze uns mit einer Spende.
PayPal SpendeAmazon Spendenshopping

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.