Die Deutsche Bahn definiert einen Zug als pünktlich, sobald die Verspätung bei nicht mehr als sechs Minuten liegt. Selbst diese schon nicht besonders sportliche Zielmarke wird aber regelmäßig gerissen: Mehr als jeder vierte Zug kam in diesem Jahr verspätet an. Japans größter Bahnbetreiber JR East hingegen spricht nicht von Minuten, sondern erfasst die Abweichungen vom Fahrplan in Sekunden. Das Ergebnis: Im Schnitt lag die Verspätung im Fernverkehr bei einer halben Minute. Gleichzeitig fahren nirgendwo auf der Welt mehr Menschen mit der Bahn als in Japan. So wird 30 Prozent des Individualverkehrs über die Schiene abgewickelt. Zum Vergleich: Die in Europa als vorbildlich geltende Schweiz kommt auf einen Wert von 18 Prozent. Möglich wird dies vor allem durch 3 Maßnahmen der japanischen Bahnbetreiber:


Bild: Deutsche Bahn AG / Claus Weber

1. Die Ausbildung des Personals

Lokführer werden speziell für eine Strecke ausgebildet. Teilweise geschieht dies an einem modernen Fahrsimulator. Oftmals fahren die jungen Auszubildenden die Strecke aber auch immer und immer wieder mit erfahrenen Kollegen ab. Nach rund einem halben Jahr kennen sie die Strecke dann in- und auswendig, sodass gar kein Fahrtenbuch mehr benötigt wird. Durch diese Erfahrung werden Fehler vermieden, die nicht dramatisch sind, aber doch Zeit kosten. Gleichzeitig werden die Mitarbeiter durch moderne Technik von einfachen Aufgaben befreit. So müssen keine Tickets kontrolliert werden, weil die meisten Kunden automatisiert mit ihrer Geldkarte bezahlen. Beim Verlassen des Zielbahnhofs wird der Fahrpreis dann einfach abgebucht.

2. Eigene Strecken für den Fernverkehr

Während auf den deutschen Schienen schnelle ICEs ebenso unterwegs sind wie langsame Bummelzüge und Gütertransporte, gibt es in Japan eine strikte Trennung: Der Vorzeigezug Shinkansen ist beinahe ausschließlich auf reservierten Trassen unterwegs. Ein spezielles Sicherheitssystem sorgt dafür, dass die Züge untereinander kommunizieren und auch bei höchster Geschwindigkeit der Sicherheitsabstand stets eingehalten wird. Interessant in diesem Zusammenhang: Auch Spanien besitzt eigene Trassen für den Fernverkehr – und erreicht ebenfalls eine deutlich höhere Pünktlichkeit als die Deutsche Bahn.


3. Frühzeitige Investitionen sichern die Pünktlichkeit

Die Züge in Japan sind mit Sensoren ausgestattet, die während der Fahrt den Zustand der Gleise überprüfen. Die gesammelten Daten werden anschließend ausgewertet, sodass nachts die Bautrupps und Reparaturfahrzeuge ausrücken können. Dies kostet vergleichsweise viel Geld, verhindert aber, dass wichtige Strecken dauerhaft gesperrt werden müssen. Auch in anderen Bereichen investieren die Bahnbetreiber viel Geld vorausschauend in die Pünktlichkeit. So wurden zahlreiche Bahnsteigkanten mit Absperrungen und automatisierten Türen gesichert. Dies soll Unfälle verhindern und im Idealfall Selbstmörder von ihren Taten abhalten. Teilweise sind es aber auch sehr kleine Investitionen, die einen großen Effekt haben können. So wurde die Zahl der Türen an jeder Zugseite von drei auf vier erhöht. Seitdem können die Passagiere schlicht schneller ein- uns aussteigen.

Ist in Deutschland alles schlecht?

Allerdings gehört zur Wahrheit auch, dass die japanische Pünktlichkeit durch eine Konzentration auf das Wesentliche erreicht wird. Der Komfort innerhalb der Züge wurde daher auf ein Minimum reduziert. Die Sitze sind der japanischen Durchschnittsgröße angepasst, Platz für Gepäck ist nur sehr begrenzt vorhanden und es gibt weder W-LAN noch ein Bordrestaurant. Zumindest wenn der Zug pünktlich ist, ist das Reiseerlebnis in Deutschland also doch noch einmal ein anderes. In einigen anderen Punkten hat die Deutsche Bahn zudem bereits Besserung gelobt. So sollen auch hierzulande Bau- und Reparaturarbeiten zukünftig verstärkt nachts durchgeführt werden. Kurzfristig sorgt dies für steigende Personalkosten, langfristig könnte aber die Zahl der Verspätungen sinken.

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1 Kommentar

  1. Dome

    27. November 2018 at 16:49

    Der Sitzabstand in einem Shinkansen ist in der 2. Klasse deutlich größer als in einem ICE , die Rückenlehne kann nach hinten geklappt werde und ich hatte vor mir noch genug platz um meinen Koffer zu deponieren. Ein Board WLAN ist eig. nicht notwendig, da Japan über eine hervorragende LTE Netzabdeckung verfügt (Das ICE Wlan funktioniert auch nur wenn ein Mobilfunknetz in reichweite ist). Sie benötigen auch i.d.R. keinen Speisewagen, wenn sie z.B. die 500 km von Tokyo nach Osaka in 2h zurücklegen, die Auswahl Speißen an den Bahnhöfen istgroß und es ist für jeden was dabei zu einem unschlagbaren Preis teilweise. Ich empfand das Reisen in in einem Shinkansen als deutlich angenehmer als alles was ich bis jetzt bei der Deutschen Bahn erlebt habe.

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