Verletzungen am Rückenmark sind extrem gefährlich, da sie so gut wie nie heilen und der Patient in vielen Fällen dauerhaft gelähmt bleibt. Die Nervenfortsätze werden durch Narbengewebe und das molekulare Geschehen in den Zellen an der Heilung gehindert. Ein internationales Team unter Leitung von Wissenschaftlern des DZNE (Deutsches Zentrum für neuregenerative Erkrankungen) fand kürzlich heraus, dass der Krebswirkstoff Epothilon die Narbenbildung bei Verletzungen des Rückenmarks reduzieren und das Wachstum der verletzten Nervenzellen anregen kann. Im Tiermodell zeigte sich eine deutlich erhöhte neuronale Regeneration.


Foto:  Hyperactive Neuron Network 1, Ahmed Riyazi Mohamed, Flickr, CC BY-SA 2.0
Foto: Hyperactive Neuron Network 1, Ahmed Riyazi Mohamed, Flickr, CC BY-SA 2.0

Narbengewebe verhindern die Regeneration

Nerven sind wie Leitungsbahnen, die den Körper durchziehen und elektrische Signale leiten. Sie bestehen aus den Fortsätzen neuronaler Zellen, sogenannten Axonen. Wird eine Nervenbahn durch einen Unfall oder eine Erkrankung verletzt, dann kann das je nach Funktion der Nervenbahn ernste Folgen nach sich ziehen. Von sensorischen Ausfällen bis hin zu kompletter Querschnittslähmung ist alles denkbar. Nerven außerhalb des zentralen Nervensystems können sich in gewissen Grenzen regenerieren und so ihre Funktion wieder herstellen. Die Zellen des zentralen Nervensystems, also des Rückenmarks und Gehirns, haben diese Fähigkeit jedoch nicht. Das axonale Wachstum wird von inhibitorischen Faktoren im Rahmen der Narbenbildung sowie anderen intrazellulären Prozessen gehemmt.

Therapie: Kampf gegen Narbenprozesse

Seit Jahren schon sucht die Wissenschaft nach Möglichkeiten, das Wachstum von Neuronen des zentralen Nervensystems anzuregen. “Eine ideale Therapie für die Regeneration von Axonen bei Rückenmarksverletzungen sollte die Vernarbung verringern. Wichtig ist aber auch, dass wachstumshemmende Faktoren reduziert sowie das ohnehin geringe Regenerationspotential der Axone reaktiviert werden”, so Professor Frank Bradke, der am Bonner Standort des DZNE eine Arbeitsgruppe leitet und die Studie geführt hat.


Bradke und sein Team könnten nun in Zusammenarbeit mit internationalen Forschern einen entscheidenden Schritt nach vorne gemacht haben. In vorangegangener Forschung zeigten sie, dass die Stabilisierung von Mikrotubuli die Narbenbildung reduziert. Mikrotubuli sind Teile des Stützskeletts der Zelle und entscheidend am Zellwachstum beteiligt.

Hilfe von überraschender Seite: Ein Krebsmedikament könnte die Lösung sein

Auf dem amerikanischen Markt gibt es einen Wirkstoff namens Epothilon, der eigentlich für die Behandlung von Krebs zugelassen ist. Das Forscherteam zeigte jedoch, dass der Wirkstoff die Mikrotubuli in neuronalen Zellen stabilisieren kann. “Es kommt auf die Dosis an. In hoher Dosis hemmt Epothilon das Wachstum von Krebszellen, während eine niedrige Dosis im Tiermodell das axonale Wachstum anregt, ohne dass es dabei zu schweren Nebenwirkungen einer Krebstherapie kommt”, erklärt Dr. Jörg Ruschel, der Erstautor der Studie. Epothilon zeichnete sich dadurch aus, dass das Medikament die Blut-Hirn-Schranke überwinden kann und so direkt in das zentrale Nervensystem vordringen kann.

Epothilon verhindert dabei gleichzeitig die Narbenbildung durch Bindegewebe, sondern fördert außerdem die Regeneration der Nervenzellen. Mit dem Wirkstoff behandelte Tiere mit einer Rückenmarksverletzung zeigten sich deutlich agiler als nicht behandelte Tiere.

Im nächsten Schritt wollen Bradke und seine Kollegen den Wirkstoff für unterschiedliche Arten von Läsionen testen, danach wird wohl eine Studie an menschlichen Probanden folgen.

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