Für die in der Vergangenheit durchaus erfolgsverwöhnten Manager bei Mercedes-Benz Vans verlief dieses Jahr bisher alles andere als erfolgreich. So lag die Umsatzrendite der Sparte im ersten Quartal schon nur bei knapp über null Prozent. Zum Vergleich: Die Autosparte kam immerhin auf einen Wert im oberen einstelligen Bereich. Im zweiten Quartal schließlich rutschte die Van-Sparte – ebenso wie der gesamte Daimler-Konzern – sogar in die Verlustzone. Dazu beigetragen haben vor allem zwei Faktoren. Zum einen erfreuen sich SUVs einer immer größeren Beliebtheit. Die wenigsten Käufer legen sich aber zusätzlich noch ein zweites großes Auto zu. Bei den Transportern wiederum leidet Mercedes-Benz noch immer stark unter den Folgen des Diesel-Skandals.


Bild: Mercedes-Benz

Der Dieselmotor hat langfristig keine Zukunft

Die Produktion von Vans und Transportern aber gleich ganz einzustellen ist für Daimler keine Option. Dies hängt einerseits damit zusammen, dass die Käufer in dieser Sparte zu den jüngsten Mercedes-Kunden überhaupt gehören. In gewisser Weise handelt es sich also um eine Investition in die Zukunft. Hinzu kommt: Der Online- und Versandhandel wächst weiterhin extrem stark. Grundsätzlich besteht also eine große Nachfrage nach leistungsfähigen Transportern. Allerdings bringt gerade die Auslieferung in Innenstädten auch neue Probleme mit sich – beispielsweise eine hohe Feinstaubbelastung für die Anwohner. Damit ist auch klar: Der klassische Van mit Dieselmotor dürfte langfristig keine große Zukunft haben. Neue Lösungsansätze sind gefragt.

Das richtige Timing sichert das Überleben

Auch bei Daimler steht daher das Thema Elektroantrieb aktuell weit oben auf der Agenda. Allerdings handelt es sich für die betroffenen Manager um einen schwierigen Drahtseilakt. Denn die Umstellung erfordert nicht nur hohe Investitionen, sondern kannibalisiert auch das bisherige Geschäftsmodell. Deswegen ist das Timing hier von entscheidender Bedeutung. Denn wer zu früh mit zu vielen Elektrofahrzeugen auf den Markt kommt, droht viel Geld zu verlieren, weil die Kunden noch nicht bereit für die neue Antriebsform sind. Auf der anderen Seite ist aber auch klar: Wer zu lange wartet, muss die Investitionen unter Umständen stemmen, wenn das Kerngeschäft bereits zu schwächeln beginnt. Bei Mercedes hat man sich daher für eine schrittweise Transformation in Richtung Elektromobilität entschieden.


Das ist der Mercedes-Benz EQV

Ein Modell nach dem anderen kommt daher auch mit Elektroantrieb auf den Markt. So wurde am gestrigen Dienstag in Sindelfingen der Mercedes-Benz EQV präsentiert. Dabei handelt es sich um die Elektro-Version der bereits bekannten V-Klasse – also einem Van mit bis zu acht Sitzen. Die technischen Daten lesen sich durchaus zufriedenstellend. So liegt die Reichweite bei rund 410 Kilometern. Innerhalb von weniger als 45 Minuten kann die Batterie zudem von zehn auf über achtzig Prozent geladen werden. Für Laien ist das Fahrzeug allerdings nicht direkt als Elektroauto zu erkennen. Denn am grundlegenden Design wurde nicht viel verändert und die Batterie wurde in den Boden des Vans integriert.

Smarte Technologien unterstützen den Fahrer

Punkten möchte Mercedes aber nicht nur mit den reinen Leistungsdaten. Vielmehr soll künstliche Intelligenz in vielen Bereichen zum Einsatz kommen, um dem Fahrer das Leben zu erleichtern. Ein Beispiel: Der integrierte Sprachassistent lernt bei jeder Interaktion hinzu und erkennt so irgendwann auch lokale Begriffe und Dialekte. Außerdem besteht die Möglichkeit unter verschiedenen Fahrmodi zu wählen. Das Auto passt sich dann jeweils der gewünschten Fahrweise an, um so den Stromverbrauch zu reduzieren. In diesem Bereich zeigt sich, dass Mercedes-Benz Vans schon lange kein reiner Autobauer mehr ist, sondern durchaus auch einiges an Expertise im Bereich intelligenter Software besitzt. Davon dürften auch die anderen Modelle der Sparte profitieren.

Bild: Mercedes-Benz

Mit AdVANce in die Zukunft

Passend dazu wurde eine Zukunftsinitiative namens AdVANce ins Leben gerufen, die insgesamt sechs Innovationsfelder abdecken soll: Die Elektrifizierung, die Vermietung, das autonome Fahren, die Entwicklung von Hardware-Lösungen, die Digitalisierung und Vernetzung sowie das Sharing. Wie vor allem letzteres in der Praxis aussehen kann, lässt sich aktuell in Berlin beobachten. Dort wurde in Kooperation mit dem US-Unternehmen Via und den Berliner Verkehrsbetrieben der BerlKönig initiiert. Dabei handelt es sich um ein innovatives Ridesharing-Angebot, das auf Fahrzeuge von Mercedes-Benz Vans setzt. Ähnliche Angebote wurden zudem auch schon in London und Amsterdam ins Leben gerufen. Weitere Städte sollen folgen.

Die Produktion kann extrem flexibel angepasst werden

Der Ausbau der Elektromobilität hat aber auch zur Folge, dass die Effizienz innerhalb der Sparte gesteigert werden muss. Nur so lassen sich die notwendigen Investitionen stemmen. Der Mercedes-Benz EQV wird daher im spanischen Werk in Vittoria produziert. Die Besonderheit: Der Konzern ist dort in der Lage, an einer Produktionslinie sowohl den neuen EQV als auch die klassische V-Klasse sowie den Vito und den E-Vito zu produzieren. Dies hat zum einen den Vorteil, dass die Produktion stets zeitnah an die Nachfrage angepasst werden kann. Zum anderen kann so aber auch ein fließender Übergang gewährleistet werden. Der Hintergrund: Für den Bau von Elektroautos werden grundsätzlich weniger Mitarbeiter benötigt als für die Produktion von Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor.

Mit „Boost“ fit für die Zukunft

Solange aber noch beide Varianten gebaut werden, fällt dieser Aspekt nicht so stark ins Gewicht. Dennoch ist den Managern bewusst, dass hier mittelfristig Überkapazitäten drohen. Es soll daher ein Effizienzprogramm namens Boost aufgelegt werden, das auch den Abbau von Arbeitsplätzen beinhaltet. Nähere Details wurden aber noch nicht kommuniziert. Auch hier muss das Management einen schwierigen Spagat absolvieren. Auf der einen Seite scheint eine Reduzierung der Belegschaft unausweichlich. Auf der anderen Seite müssen die Mitarbeiter aber auch vom Wandel hin zum Elektroantrieb überzeugt werden. Denn klar ist: Ohne motivierte und engagierte Mitarbeiter dürfte eine solch gewaltige Transformation kaum erfolgreich zu bewältigen sein.

Mit diesen Stärken will Daimler punkten

Gleichzeitig kann der Daimler-Konzern aber auch auf eine Reihe von Stärken bauen. So ist die Anziehungskraft der Marke Mercedes weiterhin weltweit extrem stark. Hinzu kommt ein weit verzweigtes und leistungsfähiges Vertriebsnetz. Alleine diese beiden Faktoren sollten dafür sorgen, dass die Elektromodelle des Konzerns nicht zum kompletten Ladenhüter werden. Außerdem kann das Unternehmen auf langjährige Erfahrung im Bereich der Automobilproduktion aufbauen. Eine „Produktionshölle“ wie bei Tesla wird es in Vittoria also eher nicht geben. Speziell die Van-Sparte profitiert zudem davon, dass hier im Bereich der Elektrofahrzeuge noch vergleichsweise wenig Konkurrenz herrscht. Dies dürfte sich zukünftig allerdings ändern.

Ein möglicher Konkurrent für den Mercedes-Benz EQV: Der I.D. Buzz. Bild: Volkswagen AG

Der E-Bulli könnte zur Konkurrenz werden

So hat Volkswagen bereits angekündigt eine E-Variante des legendären VW-Bulli auf den Markt zu bringen. Der I.D. Buzz dürfte dann auf ähnliche Käuferschichten zielen wie der Mercedes-Benz EQV. Gleichzeitig haben auch einige preiswertere Anbieter das Segment ins Visier genommen. So ist etwa der NISSAN E-NV200 EVALIA bereits auf dem Markt. Für gut 40.000 Euro bekommen Käufer hier eine Reichweite von bis zu 275 Kilometern. Auch einige chinesische Hersteller haben den deutschen und europäischen Markt bereits auf dem Schirm. Diese dürften aber vor allem preissensible Kunden ansprechen. Klar ist aber auch: Zumindest in den nächsten Jahren wird der Mercedes-Benz EQV auch noch mit den bereits bekannten Vans mit Verbrennungsmotor konkurrieren.

Die Batteriezellen sind die Achillesferse

Es gibt zudem noch einen dritten Grund, weshalb die Elektrifizierung der Modellpalette für Mercedes eine diffizile Angelegenheit ist. Denn es besteht die Gefahr, dass sich die Wertschöpfung nach vorne und nach hinten gleichzeitig verschiebt. So stellt die Batterie bei Elektroautos einen entscheidenden Faktor dar. Daimler besitzt zwar im sächsischen Kamenz eine eigene Batterie-Fabrik. Dort werden aber lediglich die importierten Batteriezellen zusammengebaut. Die entscheidende Produktion findet vorher bei externen Anbietern in Asien statt. Gut möglich, dass diese zukünftig einen nicht unerheblichen Teil der Gewinne einstreichen. Auf der anderen Seite könnten mit den im Auto gesammelten Daten ganz neue und extrem lukrative Geschäftsmodelle entstehen. Es ist aber noch keineswegs ausgemacht, dass hier die Autohersteller am erfolgreichsten sein werden.

Bild: Mercedes-Benz

Setzt die Branche wirklich auf den richtigen Antrieb?

Und zuguter letzt schwebt über der gesamten Automobilbranche noch immer das Damoklesschwert der Technologieunsicherheit. Denn alle deutschen Autohersteller setzen auf einen Elektromotor mit dazugehörigem Akku an Bord. Es gibt aber durchaus gewichtige Stimmen, die langfristig einen Antrieb mit Brennstoffzelle und Wasserstoff-Tank für überlegen halten. Dazu gehört beispielsweise der japanische Toyota-Konzern, aber auch der deutsche Zulieferer Elring-Klinger. Sollten sich deren Prognosen bewahrheiten, dann wäre der Mercedes-Benz EQV kein Symbol für den Sprung in die Zukunft, sondern lediglich eines der ersten Modelle mit einer technologischen Übergangslösung. Die Zukunft wird zeigen, wohin die Reise im Automobilsektor in diesem Punkt tatsächlich geht.

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