Wenn neue Technologien auf den Markt kommen und alte Geschäftsmodelle verdrängen, sprechen Fachleute von Disruption. Beispiele dafür gibt es immer wieder. So ist das Netz der einst größten Videotheken-Kette der Welt inzwischen auf nur noch eine einzige Filiale zusammengeschrumpft. Eine Ära ging nun auch auf der südbayerischen Halbinsel Hirschau zu Ende. Dort hat die Deutsche Telekom die letzte gelbe Telefonzelle abgebaut. Die Jüngeren unter uns werden sich daran schon gar nicht mehr erinnern. Aber lange Zeit waren die Telefonzellen die einzige Möglichkeit, von unterwegs das Festnetz zu erreichen. Dementsprechend weit waren sie verbreitet: Zu Hochzeiten gab es alleine 50.000 gelbe Telefonzellen – und noch einmal in etwa genau so viele in anderem Design.


Bild: Deutsche Telekom (Youtube-Screenshot)

Der Euro brachte noch einen letzten Aufschwung

Doch schon seit den 1980er Jahren galt der Betrieb – der damals noch von der Deutschen Bundespost organisiert wurde – als nicht mehr wirtschaftlich. Als wenig glücklich erwies sich auch die Einführung der Telefonkarten. Um die Telefone zu nutzen, mussten die Kunden im Vorfeld Guthabenkarten kaufen. In Zeiten der zunehmenden Verbreitung von Mobiltelefonen taten dies aber immer weniger. Viele Apparate wurden daher bald wieder mit einem Münzschlitz versehen. Nach der Einführung des Euros stiegen die Umsätze sogar noch einmal kurzzeitig an. Der simple Grund: Urlauber und Geschäftsleute aus dem Ausland hatten nun teilweise die passenden Münzen zur Hand. Kostenfreies Roaming gab es damals hingegen noch nicht. Auch dieser Effekt ist aber schnell wieder verpufft.

Die letzten Exemplare werden bei Ebay angeboten

Irgendwann entschied sich die Telekom daher, eine Grenze zu ziehen: Sobald der monatliche Umsatz einer Telefonzelle dauerhaft auf unter 50 Euro sinkt, wird sie abgebaut. In St. Bartholomä hat es nun das letzte gelbe Exemplar erwischt. Insgesamt benötigten die Techniker dort drei Stunden, um die Telefonzelle abzubauen und auf einen Lastwagen zu verladen. Wer nun nostalgische Gefühle bekommt und noch Platz im Wohnzimmer hat, wird bei Ebay fündig: Dort gibt es die gelbe Telefonzelle zum Preis von 1.399 Euro. Mit dem Wegfall der öffentlichen Münzfernsprecher dürften in Zukunft auch Romanautoren und Filmschaffende Probleme bekommen. Denn diese ließen ihre Protagonisten oftmals Telefonzellen nutzen, um anonym zu telefonieren. Dies dürfte bald nicht mehr möglich sein.


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1 Kommentar

  1. Christoph

    24. April 2019 at 21:13

    Ähm… es gibt aber noch Telefonzellen. Die sind halt nicht mehr gelb. Klar, es sind nur noch sehr wenige. Aber in vielen Supermärkten gibt es auch welche. Nun gut, auch deren Zukunft wird auf Dauer wohl bedroht sein. Man könnte die letzten Telefonzellen versuchen zu privatisieren. Das bedeutet. die Telekom verkauft sie an private Firmen und die bezahlen halt die Einheiten oder die Firma holt sich eine Flat in alle Netze. Und dann kann das Unternehmen schauen, ob sich das rentiert. Vielleicht ergeben sich so ganz neue Möglichkeiten. Beispielsweise könnte man auch öffentliche Seelsorgetelefone aufstellen.

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