Nichts ist so schwer, wie einem geliebten Menschen zu vergeben. Das Verzeihen von Fehlverhalten wird umso schwieriger, je näher ein Mensch dem anderen ist. Besonders schwer ist es oft, schwerwiegende Kränkungen innerhalb einer Beziehung zu verzeihen. Und eine der schwerwiegendsten Krängungen innerhalb einer Partnerschaft ist sicherlich der Seitensprung. Aber auch andere Kränkungen, Gefühlsverletzungen und Vertrauensbrüche können eine Beziehung an den Rand des Aus manövrieren. Will ein Paar derartige Beziehungstraumen überwinden, gibt es nichts wichtigeres als die Fähigkeit, wirklich zu vergeben.


Besonders Affären haben oft Folgen, von denen ein Paar sich kaum erholen kann. „Das Vertrauen ist zerstört, und die Paare zeigen häufig Symptome, wie sie auch nach einem Verkehrsunfall auftreten„, so der Leiter der Psychotherapieambulanz der Technischen Universität Braunschweig, Christoph Kröger, gegenüber Welt Online. Die komplette Basis, alle grundsätzlichen Annahmen über die Beziehung, den Partner und die eigene Rolle seien plötzlich zerfallen. Vergebung falle schwer, der Alltag ist vergiftet und dem Seitensprung folge häufig die Trennung oder Scheidung.

Den Partner zu betrügen ist einfach. Vergebung fällt dafür umso schwerer.
Den Partner zu betrügen ist einfach. Vergebung fällt dafür umso schwerer.

Kommunikation ist die Basis jeder Vergebung

Für die Vergebung aus tiefer Überzeugung heraus brauche es „Zeit und den Willen, sich den Verletzungen aktiv zu stellen“, erklärt Ulrich Leube, der die evangelische Lebensberatung in Bremen leitet. Er wird in seiner täglichen Arbeit häufig mit den Folgen von Untreue konfrontiert.


Ein wesentliches Element auf dem Weg der Vergebung sei laut Leube Kommunikation. Der Verletzung muss Raum gegeben werden, man muss sich ihr stellen. „Doch vor dem Vergeben steht die echte Veränderung, nicht nur das Reden darüber“, so Leube weiter. Hierbei spielt vor allem die nonverbalen Kommunikation eine wichtige Rolle. Gesten und Handlungen können dem Partner zeigen, dass ernsthafte Reue vorherrscht.

Nicht immer kann vergeben werden

Laut Kröger sei eine Therapie ein Weg für Paare, wieder Vertrauen aufzubauen, wenn sie sich konsequent darauf einlassen. Auch Leube macht klar, dass seelische Verletzungen wieder heilen können, wenn die Betroffenen mit dem Ereignis abschließen. Vergebung entlaste sowohl den verletzten Partner als auch den, der die Verletzung verursacht hat. „Vergebung ist eine große Stärke und heißt auch: Ich werde selbst frei von dem Einfluss, den die Verletzung auf mich hat“, so der Lebensberater. In manchen Fällen sei Vergebung jedoch weder möglich noch um jeden Preis anzuraten, so zum Beispiel im Falle seelischer und körperlicher Gewalt.

Vergebung als Motiv des christlichen Glaubens

Schuld und Vergebung sind auch zentrale Elemente des christlichen Glaubens. Auch im “Vaterunser”, dem bekanntesten Gebet des Christentums, tauchen derartige Gefühle als Thema auf: “Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern”, heißt es da. Welt online zitiert diesbezüglich den Friedensbeauftragten der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Renke Brahms: “*Vergebung ist möglich, in der Familie genauso wie in der Gesellschaft.” Der Weg dorthin jedoch sei bisweilen lang und erfordere eine Besinnung aller Beteiligten.

Der Buß- und Bettag bietet im christlichen Glauben eine besondere Gelegenheit, sich zu besinnen. An ihm solle eine “kritische Lebensbilanz und Neuorientierung” erfolgen. Nur so könne man sich aussöhnen.

Auch der Friedensbeauftragte der Evangelischen Kirche betont die Bedeutung von Gesten im Vergebungsprozess und bemüht als Beispiel den Kniefall von Warschau, bei dem der damalige Bundeskanzler Willy Brandt das polnische Volk um Vergebung für die Verbrechen des 2. Weltkriegs bat.

Ist Vergebungskompetenz erlernbar?

Lebensberater Leube führt aus, dass auch bestimmte Rituale im Vergebungsprozess von Bedeutung seien. So könne es beispielsweise helfen, dass Verletzende auf einem Zettel in Worte zu fassen. Außerdem zitiert Welt online eine Studie von TNS Emnid, bei der sich ergab, dass der christliche Glaube offenbar positiven Einfluss auf die Fähigkeit zu vergeben habe. Bei der Befragung von 1.400 Männern und Frauen habe sich gezeigt, dass ein gemeinsam gelebter Glaube im Alltag mit einem guten psychischen Wohlbefinden und einem ausgeprägten Wohlwollen dem Partner gegenüber einhergehe.

Die Autoren der Studie empfehlen außerdem, Vergebungskompetenz als Unterrichtsstoff in der Erwachsenenbildung oder in Kursen zur Ehevorbereitung einzuplanen.

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