Durch die Genschere CRISPR/Cas9 haben Mediziner ganz neue Möglichkeiten zur Veränderung des menschlichen Genoms bekommen. CRISPR kann Gendefekte punktgenau reparieren oder auch gezielt gewünschte Gene einfügen. Bisher wurden die meisten der daraus entwickelten Therapien allerdings nur an Tieren erprobt – mit wenigen Ausnahmen. Außerdem wurde CRISPR in der Vergangenheit nur eingesetzt, um die Defekte der jeweiligen Patienten zu korrigieren. Nun könnte sich das geändert haben. In China sollen erstmals Babys geboren worden sein, die mit CRISPR genetisch verändert wurden.


DNA
Mit Hilfe von CRISPR kann das menschliche Genom verändert werden (Symbolbild). Foto: DNA representation, Andy Leppard, Flickr, CC BY-SA 2.0

Umstrittene Keimbahn-Therapie

Es handelt sich um ein weibliches Paar Zwillinge, die ein Gen in sich tragen sollen, das vor späteren HIV-Infektionen schützen soll. Die Nachricht ist deshalb so bedeutsam, weil es sich um eine sogenannte Keimbahn-Therapie handelt, also eine Genreparatur, die an der befruchteten Eizelle durchgeführt wird. Bei dieser Methode tragen auch die Keimzellen des dann geborenen Babys die durchgeführten Veränderungen in sich – sie können also an spätere Nachfahren weitergegeben werden. Bei normalen Gentherapien werden nur die Betroffenen selber behandelt – die Keimzellen, also Spermien und Eizellen, tragen den Defekt weiter und können ihn vererben. Die Keimbahn-Therapie verändert dagegen auch das Erbgut kommender Generationen und sind daher ethisch stark umstritten und in den meisten Ländern verboten, unter anderem auch in Deutschland. In den USA etwa dürfen solche Veränderungen nur durchgeführt werden, wenn aus den veränderten Embryonen kein lebensfähiger Fötus entsteht.

China: Traumland für Genexperimente

In China sind die gesetzlichen Regelungen deutlich lockerer. Keimbahn-Therapien wie etwa die Einschleusung einer Genvariante in das Erbgut eines Embryos, die einen Schutz vor HIV-Infektionen bieten soll, sind dort erlaubt. Dieser Eingriff soll nun an zwei neugeborenen Zwillingen durchgeführt worden sein. Die Genvariante soll mit Hilfe der Genschere während der künstlichen Befruchtung der Mutter in die befruchteten Eizellen eingebracht worden sein. Die Genveränderung soll insgesamt bei 16 Embryos von insgesamt sieben Paaren vorgenommen worden sein. Erfolgreich war jedoch nur eine dieser Eingriffe, der dann zur Geburt der beiden weiblichen Zwillinge führte.


Weltweite Kritik an dem Verfahren

Die beiden Mädchen Lulu und Nana kamen schreiend und so gesund wie jedes andere Baby auf die Welt„, so He Jiankui von der South University in Shenzen, der den Eingriff durchführte. Gentests sollen Ergeben haben, dass die Genveränderungen bei beiden Babys erfolgreich durchgeführt worden sind. Fachleute, denen einige Daten der chinesischen Forscher vorgelegt wurden, bemängeln jedoch, dass die durchgeführten Tests nicht ausreichend seien, um den Erfolg und auch die Unbedenklichkeit der Eingriffe zu belegen. Es wurden außerdem Hinweise darauf gefunden, dass die Genveränderungen bei einem der Babys nicht in allen Zellen übernommen wurden, was mit komplett unvorhersehbaren Folgen für das Kind einhergehen könnte. Aktuelle Studien zeigten, dass CRISPR/Cas9 unter Umständen zu Genmutationen führen, das Krebsrisiko erhöhen oder Immunreaktionen auslösen kann. Außerdem sind Menschen mit veränderten CCR5-Genen zwar besser gegen eine HIV-Infektion geschützt, aber dafür unter Umständen anfälliger für Viren wie Influenza oder dem West-Nil-Virus. Die Versuche der chinesischen Forscher werden daher lautstark kritisiert.

Sollte es sich bewahrheiten, dass ein mithilfe von CRISPR genmanipuliertes Baby erzeugt worden ist, wäre dies für die Wissenschaft ein Super-GAU. Wenn systematisch die biologische Grundlage des Menschen manipuliert werden soll, ist dies ein Menschheitsthema. Das Ganze zeigt aber auch: Es reicht nicht aus, dass die Wissenschaft sich Verhaltenscodizes gibt, an die sich keiner hält„, so der Theologe Peter Dabrock, der Vorsitzender des Deutschen Ethikrats ist. Vorerst steht aber auch noch die Veröffentlichung der Daten der chinesischen Forscher aus, die die Ergebnisse belegen.

via MIT Technology Review

"

Teile den Artikel oder unterstütze uns mit einer Spende.
PayPal SpendeAmazon Spendenshopping

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.