Wer an die kanadische Stadt Vancouver in der Provinz British Columbia denkt, der hat mit Sicherheit nicht als Erstes einen florierenden Technologie-Sektor vor Augen. Viel mehr wird Vancouver mit Tourismus assoziiert – Ziele wie Vancouver Island mit seinen wunderschönen Nationalparks sowie das Weltklasse-Skigebiet Whistler liegen quasi direkt vor der Haustür, und auch die Stadt selber hat für Touristen Einiges zu bieten. Wirtschaftlich betrachtet verdankte Vancouver seinen Status lange Zeit den reichhaltigen natürlichen Ressourcen von British Columbia. All das bedeutet aber nicht, dass sich in und um Vancouver nicht auch eine breit gefächerte Technologie-Szene entwickelt hat, die anderen diesbezüglich bekannten Gebieten, allen voran dem Silicon Valley, in Zukunft ordentlich Konkurrenz machen dürfte. Zu verdanken ist das neben dem Innovationsgeist der ansässigen Unternehmen den aktuellen politischen Entwicklungen in den USA und einer breiten Unterstützung für den Technologiesektor seitens der Regierung von British Columbia um Ministerpräsidentin Christy Clark.


Blick von der Terrasse des Vancouver Convention Center.
Bild: Pixelated Orca, 3dpete, Flickr, CC BY-SA 2.0

Vancouver präsentiert sich als attraktiver, weltoffener Arbeitsort

Die Sicht von der Terrasse des Convention Center in Vancouver ist atemberaubend. Der Blick geht über den Hafen von Vancouver, auf dem Fähren kreuzen und Wasserflugzeuge vom Terminal direkt vor dem Convention Center aus in Richtung Victoria, Nanaimo und Maple Bay abheben, hin zu den majestätischen Bergen, die sich auf der anderen Seite der Bucht hinter West-Vancouver erheben.

Mitte März war diese fantastische Aussicht leider oft durch Wolken und Regen versperrt. Aber auch daran lässt sich etwas Positives finden: So gab es für die Besucher des BCTech Summit weniger Ablenkung, als Christy Clark, die Premierministerin von British Columbia, am 14. März die Eröffnungskeynote gab.


Clark hat eine einnehmende Bühnenpräsenz. Aus jedem Wort ist der Enthusiasmus und auch die Liebe zu „ihrem“ British Columbia herauszuhören. Dabei darf man nicht vergessen, dass dieses Jahr in der Provinz wieder Wahlen anstehen. Dennoch: Wer Clark zuhört, wie sie auf der Bühne des Convention Center über den Tech-Sektor in British Columbia und die Pläne für die Zukunft spricht, der fühlt sich mitgerissen.

Überall auf der Welt, das sehen wir jeden Tag, blicken Nationen nach innen. Und das ist ein furchtbarer, tragischer Trend. Aber es ist auch eine Chance für uns als Kanadier und Einwohner von British Columbia. Es ist eine Chance für uns, das Gegenteil zu tun. (…) Während andere Länder nach innen blicken, lasst uns ein Land und eine Provinz sein, die nach außen blicken, die Kontakt zu der Welt suchen, die Brücken zum Rest der Welt bauen, die Menschen willkommen heißen – die besten und intelligentesten aus jeder Ecke des Planeten„, so Clark in ihrer Keynote.

Die Regierung hört auf die Bedürfnisse des Tech-Sektors

Diese Weltoffenheit ist eine von mehreren Maßnahmen, die die Regierung von British Columbia ergreifen will, um der Tech-Startup-Szene und dem Technologie-Sektor allgemein unter die Arme zu greifen und ihr zu noch mehr Erfolg zu verhelfen. Bis 2022 soll die Zahl der Absolventen, die mit einem technologisch orientierten Abschluss die Universität verlassen, in British Columbia auf 1.000 pro Jahr steigen. Außerdem soll die Handelspräsenz in den Tech-Hubs Seattle und Silicon Valley erhöht werden, um Investoren in die Region zu locken sowie ein „Centre for Data-Driven Innovation in B.C.“ errichtet werden, in dem Regierungsdaten mit denen von Unternehmen und Universitäten zusammengeführt werden, um einen besseren öffentlichen Zugang zu Informationen zu gewährleisten.

Das sind nur einige Beispiele von Maßnahmen, mit deren Hilfe die Regierung von British Columbia ein gutes Klima für Technologie-Unternehmen in und um Vancouver gewährleisten will. „British Columbias Tech-Community sagte uns, dass die erste Priorität sein muss, sicherzustellen, dass die Einwohner von British Columbia das Wissen und die Fähigkeiten haben, um dem Sektor weiterhin zu Wachstum und Erfolg zu verhelfen. Die neue Technologie-Strategie von British Columbia möchte den Einwohnern in allen Ecken der Provinz die Möglichkeit geben, Karriere im Tech-Sektor zu machen„, so Clark auf dem BCTech Summit.

Trumps Präsidentschaft als Chance für Kanada

Wovon die Rede ist, wenn von „Ländern, die nach innen schauen“ gesprochen wird, ist unschwer zu erraten. Die USA hat unter ihrem 45. Präsidenten Donald Trump bereits in den ersten Wochen von seiner Amtszeit einen politischen Kurs an den Tag gelegt, der vor allem Tech-Unternehmen Grund zur Sorge gibt. Denn diese sind vor allem auf eines angewiesen: Auf Know-How und gut ausgebildete Arbeitskräfte. Diese werden schon lange nicht mehr nur in den USA rekrutiert, sondern überall auf der Welt – ein Faktor, der durch die restriktive Einwanderungspolitik der Regierung Trump gehörig ausgebremst werden dürfte.

Kanada nahm bisher generell kein Blatt vor den Mund, wenn es darum ging, Donald Trumps Einwanderungspolitik als Chance für das eigene Land zu betrachten. Und es bleibt nicht nur bei Worten: Für die nächsten Jahre ist eine Erweiterung der Einwanderungspolitik geplant, an der die Regierung von British Kolumbia zusammen mit der Regierung von Kanada unter Premierminister Justin Trudeau arbeiten will. Beginnen soll dies mit einer Beschleunigung des Immigrationsprozesses für hochqualifizierte Arbeitskräfte im Tech-Sektor. Amrik Virk, der in der Regierung von British Columbia den Posten des Minister of Technology, Innovation and Citizen’s Services innehat, betonte, dass der Technologiesektor nicht monatelang warten kann, um talentierte Köpfe ins Land zu holen und einzustellen, sondern auf einen Immigrationsprozess angewiesen ist, der sich eher in Tagen oder Wochen als in Monaten misst.

Vancouver hat bereits einen florierenden Technologie-Sektor

Der Technologie-Sektor in und um Vancouver muss sich bereits heute nicht verstecken. Zwar gibt es auch in Toronto und Montreal eine florierende Tech-Szene, aber Vancouver nimmt in Kanada eine Sonderstellung ein, was den Technologiebereich angeht.

Das liegt nicht nur an den herausragenden Bildungszentren in der Region, zu denen auch die University of British Columbia gehört, sondern auch an der massiven Unterstützung durch die Regierung. Zudem liegt Vancouver in der gleichen Zeitzone wie die Westküste der USA, was die Zusammenarbeit mit Unternehmen im Silicon Valley deutlich vereinfacht. Außerdem gab die Regierung von British Columbia letztes Jahr bekannt, einen „Technologie-Korridor“ mit dem US-Bundesstaat Washington einzurichten, um die Zusammenarbeit zu verstärken.

Im Gegensatz zu andere Technologie-Hubs wie Silicon Valley konzentriert sich die Tech-Szene in Vancouver aktuell stark auf den Mittelstand. In der Gegend finden sich nicht 20 Mega-Unternehmen, sondern eher nahezu 10.000 kleinere und mittlere Unternehmen aus dem Tech-Sektor, deren Arbeit dennoch international Auswirkungen hat.

Unter diesen Unternehmen finden sich Perlen wie General Fusion, ein Unternehmen, das von kommerzieller Seite aus die Herausforderung der Entwicklung sicherer, zuverlässiger Fusionsreaktoren angenommen hat, D-Wave Systems, das Unternehmen, das den ersten kommerziell nutzbaren Quantencomputer verkauft hat, und Ballard Power Systems, ein Hersteller von Wasserstoffzellen. Daneben etabliert sich in Vancouver ein Ballungsgebiet für Unternehmen, die im Bereich virtuelle Realität arbeiten. Zu diesen gehört unter anderem das Entwicklerstudio Archiact, das neben VR-Spielen auch an praktischen Anwendungen wie einer Software für Architekten arbeitet.

Neben diesen in Vancouver ansässigen Unternehmen haben auch namenhafte große Tech-Unternehmen eine Art Außenposten in Vancouver errichtet. Den Anfang machte Microsoft. Das Unternehmen eröffnete bereits 2007 eine Niederlassung in Vancouver und bezeichnete dieses damals schon als eine Art Heimat für Angestellte, die aufgrund von Immigrationsbeschränkungen nicht in den USA arbeiten können. Inzwischen haben auch Amazon und Facebook Büros in Vancouver eröffnet.

Zwei Säulen sollen Vancouvers Rolle im Tech-Bereich stärken

Dieser bereits etablierte Technologie-Sektor soll in Zukunft noch weiter wachsen. Dazu setzt die Provinz British Columbia auf zwei Säulen. Für die nahe Zukunft heißt die Antwort auf den steigenden Bedarf von Technologie-Unternehmen in Vancouver Immigration. Dazu sollen die Prozesse verschlankt werden, Amrik Virk träumt sogar davon, dass eines Tages jeder, der in British Columbia seinen Doktor macht, mit dem Titel automatisch auch die kanadische Staatsbürgerschaft erhält.

Die zweite Säule ist eher die mittel- bis langfristige Antwort, nämlich die Intensivierung der Ausbildung im Technologie-Sektor an den Bildungseinrichtungen der Provinz mit dem Ziel, verstärkt Absolventen in technologieorientierten Studiengängen hervorzubringen. Diese sollen dann den Bedarf der Unternehmen vor Ort in Kombination mit talentierten Kräften von außerhalb des Landes erfüllen können.

Ob diese Strategie dem Tech-Sektor in Vancouver zu weiterem Wachstum verhelfen kann, wird sich zeigen müssen. Momentan gibt es eine Menge Innovationskraft in der Region, die teilweise aber von einem Mangel an Fachkräften ausgebremst wird. Hier nachzubessern ist vor allem Aufgabe der Regierung, die sich dessen auch bewusst ist. „Uns gehen die jungen Leute aus„, so Virk, der sich dabei auf gut ausgebildete Absolventen bezieht.

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