Der genetische Fingerabdruck hat die Kriminaltechnologie revolutioniert. Die Aufklärungsrate von Gewalt- und Sexualverbrechen stieg nach der Einführung des DNS-Tests deutlich. Ein solches Verbrechen zu begehen ohne eine Spur seiner DNS zu hinterlassen ist schwieriger, als viele potentielle Verbrecher glauben. Ein Problem hat die Methode dennoch: Wenn die DNS des Täters nicht polizeilich registriert ist, dann ist auch die beste DNS-Spur erstmal wertlos. Ein deutscher Forscher forscht in den Niederlanden an einer Methode, die die genetischen Methoden zur Verbrechensaufklärung um eine Art genetisches Phantombild erweitert.


Blutstropfen
Foto: precious drop, , Rosmary, Flickr, CC BY-SA 2.0

Die DNS: Der heilige Gral der Forensik

Manfred Kayser hat in Leipzig und Berlin Biologie studiert und forscht nun als forensischer Molekulargenetiker am Medizinischen Zentrum der Erasmus Universität Rotterdam und entwickelt neue Analyse-Methoden, die dabei helfen sollen, Verbrechen aufzuklären. In den Niederlanden wurden seine Methoden bereits zur Aufklärung von Verbrechen verwendet. In Deutschland und anderen europäischen Ländern gibt es aber ethische Bedenken, die die von Kayser entwickelte Technik ausbremsen.

Kayser beschäftigt sich mit den Informationen, die neben der eindeutigen Identifizierbarkeit noch aus der DNS gelesen werden können. Und das sind eine ganze Menge, schließlich enthält die DNS alle Erbinformationen des Menschen. 99,9 Prozent des menschlichen Erbguts sind bei allen Menschen gleich. Es gibt aber winzige Marker, sogenannten SNPs, die sich im gesamten Genom wiederfinden. Sie werden weitervererbt und machen die feinen Unterschiede aus. So zum Beispiel die Haar- und Augenfarbe, die Breite des Gesichts oder eine Neigung zu Diabetes. Außerdem kann Kayser einiges aus dem Blut des Täters ablesen. Beispielsweise ist die Konzentration des Schlafhormons Melatonin im Blut nachts höher als tagsüber, sie lässt also Rückschlüsse auf den Tatzeitpunkt zu.


Optische Merkmale lassen sich anhand der DNS erkennen

Die DNS gewinnt Kayser, indem er Blut oder andere Körperflüssigkeiten mit Hilfe eines Lösungsmittels verflüssigt und die DNS heraustrennt. Mit Hilfe von Spezialequipment werden dann die relevanten SNPs analysiert. Mit dieser Methode werden beispielsweise blaue oder braune Augen mit einer Wahrscheinlichkeit von 95 Prozent erkannt. Mischfarben erkennen Kayser und sein Team in drei von vier Fällen. Schwarze Haare werden mit einer Wahrscheinlichkeit von 85 Prozent erkannt, bei blonden sind es immerhin noch 81 Prozent und bei schwarzen 75 Prozent. Auch Herkunft (zumindest grob nach Kontinenten) und ungewöhnliche Größe (ab 2 Metern) kann Kayser aus den SNPs herauslesen. Liegt eine Blutprobe vor, können anhand des Zustands des Immunsystems auch Rückschlüsse auf das Alter des mutmaßlichen Täters gezogen werden. Und ständig werden neue SNPs identifiziert, die Genauigkeit der Methode wird also in Zukunft nur zunehmen.

Ethische Hürden

Dank eines Präzedenzfalls aus dem Jahr 1999 dürfen derartige Methoden wie die von Kayser in den Niederlanden zur Aufklärung von Verbrechen eingesetzt werden. Die Methode führte durchaus zu Erfolgen. Besonders aufsehenerregend war die Aufklärung eines 13 Jahre in der Vergangenheit liegenden Mädchenmordes im Jahr 2012. “Das war ein großer Moment für die Forensik. Aber wir stehen noch ganz am Anfang. In wenigen Jahren wird uns die DNS viel mehr Informationen liefern”, so Kayser. In Zukunft sollen sich aus DNS-Informationen aus Blut, Sperma oder sogar Hautschuppen ein dreidimensionales forensisches Phantombild herauslesen lassen.

In Deutschland stoßen derartige Methoden allerdings an Grenzen. Und zwar an sehr eng gesteckte. DNS-Informationen dürfen hierzulande per Gesetz nur zur Bestimmung des Geschlechts genutzt werden. Bürgerrechtler und Datenschützer halten das für richtig, denn nur so könne verhindert werden, dass in Zukunft ganze Gruppen von Menschen aufgrund eines bestimmten Merkmals unter Generalverdacht geraten.

Bereits die gesetzlichen Limitierungen des genetischen Fingerabdrucks wurde in den vergangenen Jahren aufgeweicht. Seit 2005 können die Informationen auch für Routine-Ermittlungen bei harmlosen Delikten verwendet werden. Vorher war das nur bei Morden und Sexualstraftaten möglich. Das Bundeskriminalamt erklärte jedoch bereits, dass es vorerst dabei bleibe, dass der genetische Fingerabdruck nur zur Identifikation genutzt werden darf. Eine Einstellung, die bei Opferschutzvereinen auf Unverständnis stößt.

Unterm Strich gibt es viele Argumente, die für oder gegen die Verwendung solcher Methoden spricht. Besonders die Bestimmung der ethnischen Zugehörigkeit wird jedoch äußerst kritisch gesehen. Die ablehnende Haltung der deutschen Behörden dürfte aber spätestens dann erneut auf den Prüfstand müssen, wenn Forscher wie Manfred Kayser nur anhand von Spuren am Tatort ein komplettes Phantombild erstellen können. Bis es soweit ist, muss in dem Bereich aber noch viel passieren.

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