Noch ist unklar, ob es sich um eine dauerhafte Veränderung oder eine einmalige Abweichung handelt. Sicher ist aber: Das Nobelpreiskomitee hat bei der Vergabe des Alfred Nobel Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften in diesem Jahr vollkommen neue Wege beschritten. Bisher nämlich ging der Preis zumeist an Forscher, die vor vielen Jahren theoretische Modelle und Theorien im Bereich der Grundlagenforschung entworfen haben. Die drei in diesem Jahr ausgezeichneten Wissenschaftler – Esther Duflo, Abhijit Banerjee und Michael Kremer – hingegen sind nicht nur verhältnismäßig jung, sondern entstammen im wahrsten Sinn des Wortes der Praxis. Sie haben dazu beigetragen, weltweit einen völlig neuen Ansatz bei der Bekämpfung von Armut zu etablieren. Das von ihnen gegründete „Poverty Action Lab“ führt sogenannte „Randomized Controlled Trials (RCT)“ durch.


Esther Duflo ist erst die zweite Frau, die mit dem Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften ausgezeichnet wurde. Bild: Kris Krüg [CC BY-SA 2.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0)]

Die Innovation: Armutsforschung mit Kontrollgruppe

Dahinter steht die Beobachtung, dass die klassische Entwicklungshilfe in den letzten Jahrzehnten nicht die erhofften Ergebnisse erzielt hat. Warum dies so ist, ließ sich bisher aber nur schwer klären. Denn in der Armutsforschung existierten lange Zeit nur Beobachtungsstudien. Bei diesen ist es aber schwer, kausale Zusammenhänge nachzuweisen, weil schlicht zu viele Faktoren eine Rolle spielen. Die drei diesjährigen Gewinner des Wirtschaftsnobelpreis vertreten daher einen radikal anderen Ansatz: Sie setzen auf Versuchsreihen mit Kontrollgruppen. Konkret bedeutet dies: Sie teilen die Menschen in bestimmten eng abgegrenzten Gebieten in zwei Gruppen ein. Eine davon erhält eine bestimmte Unterstützung, die andere nicht. Auf diese Weise lässt sich sehr konkret nachvollziehen, welche Veränderungen durch die einzelne Maßnahme erreicht werden. Teilweise führt dies zu sehr erstaunlichen Ergebnissen.

Praxisbeispiel: Linsen erhöhen die Impfrate

So wurde bei einem Versuch in Indien den Müttern von frisch geimpften Kindern stets eine Portion Linsen im Wert von umgerechnet rund fünfzig Cent mitgegeben. Das Ergebnis: Die Impfrate konnte von sechs auf immerhin achtunddreißig Prozent gesteigert werden. Aus rein logischer Sicht lässt sich dies nicht erklären. Denn der potentielle Nutzen der Impfung ist deutlich höher als der Gewinn durch die kleine Portion Linsen. Offensichtlich wirkt auf viele Menschen aber ein handfester Vorteil im Hier und Jetzt überzeugender als ein abstrakter Vorteil in der Zukunft. Die Schlussfolgerung der Studie: Teure Informations- und Aufklärungskampagnen können zumindest teilweise durch die Ausgabe von preiswerten Linsen ersetzt werden. Ohne das durchgeführte „Randomized Controlled Trial“ wäre ein solcher Ansatz aber wohl rundheraus abgelehnt worden.


Die Kritik ist ethischer und fachlicher Natur

Allerdings gibt es auch Kritik an der Vorgehensweise der drei frisch gekürten Nobelpreisträger. Diese ist zum einen ethischer Natur. So wird es als problematisch angesehen, dass hilfsbedürftige Menschen gewissermaßen zu Versuchskaninchen werden. Auch die Einteilung in Gruppen mit und ohne Hilfe ist aus dieser Sicht nicht unproblematisch. Hinzu kommen fachliche Kritikpunkte. So wird teilweise der Vorwurf erhoben, die Ergebnisse der „Ranomized Controlled Trials“ würden überhöht, obwohl oftmals nur eine sehr kleine Stichprobe zugrunde läge. Auch von diesen Kritikern wird aber nicht bestritten, dass der Ansatz zumindest das Potential bietet, bestimmte Thesen zu überprüfen und neue – bisher eventuell nicht bedachte – Aspekte ans Licht zu fördern. Dabei darf aber das Ziel nicht aus den Augen verloren werden: Den ärmsten der Armen zu helfen.

Via: The Economist

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