Antibiotikaresistenz ist ein ernstes Problem. Schuld daran ist unter anderem die Tatsache, dass viele Ärzte (teilweise auf “Druck” ihrer Patienten) oftmals Antibiotika verschreiben, obwohl diese nicht indiziert und meistens in keinster Weise zur Heilung der vorliegenden Erkrankung beitragen. Aber mindestens genauso schwerwiegend ist die Nutzung von Antibiotika in der Landwirtschaft. Erst kürzlich wurde bekannt, dass die Resistenz gegen das Antibiotikum Colistin sich von China nach Europa ausgebreitet hat. Es wird nicht mehr lange dauern, und die bekannten Antibiotika werden massiv an Wirkung verlieren. Dabei sind Antibiotika das einzige Mittel, dass die moderne Medizin Bakterien wie E.coli entgegensetzen kann.Es ist Zeit zu handeln, und besonders in der Landwirtschaft könnte sehr kurzfristig auf die meisten Antibiotika verzichtet werden.


Foto:  heads, Kai Schreiber, Flickr, CC BY-SA 2.0
Foto: heads, Kai Schreiber, Flickr, CC BY-SA 2.0

Colistin: Ein nutzloses Antibiotikum

Zu diesem Schluss kommt auch der neueste Bericht der „Review on Antimicrobial Resistance“ (AMR), einer britischen Expertenkommission, die 139 wissenschaftliche Studien rund um Antibiotikaresistenzen auswertete und zu dem Schluss kam, dass in rund der Viertel der Untersuchungen ein direkter Zusammenhang zwischen Antibiotikaresistenzen bei bestimmten Bakterien und der Nutzung von Antibiotika in der Landwirtschaft festgestellt wurde. Laut den Experten sei dies mehr als Anlass genug, um die Verwendung von Antibiotika in der Landwirtschaft durch die Politik massiv einzuschränken. Dabei reicht es nicht, wenn die einzelnen Länder handeln, sondern es müsste sich europaweit (im Idealfall sogar noch umfassender) auf eine Obergrenze für den Einsatz von Antibiotika zum landwirtschaftlichen Gebrauch geeinigt werden. Diese Obergrenze ließe sich für den Anfang gut im Rahmen der europäischen Gesetzgebung umsetzen.

Das Prinzip der Resistenzen ist recht einfach: Ein Bakterium, das vermehrt mit einem Antibiotikum in Kontakt kommt, wird irgendwann auf dem Weg der natürlichen Selektion eine Resistenz gegen eben jenes Antibiotika entwickeln. Dies gilt bei der Behandlung von Menschen mit Antibiotika, aber auch bei der Verwendung der Wirkstoffe in der Landwirtschaft entwickeln sich Resistenzen. Wie nun scheinbar in China geschehen: Durch eine zufällige Mutation entstand ein gramnegatives Bakterium, das eine Resistenz gegenüber dem Antibiotikum Colistin aufweist. Schlimmer noch ist, dass das mutierte Gen zwischen unterschiedlichen Bakterien übertragbar ist. Es dürfte also nicht mehr allzu lange dauern, bis Colistin bei weltweit bei keinem gramnegativen Bakterium mehr eingesetzt werden kann.


Es muss jetzt gehandelt werden

Die Verwendung von Antibiotika in der Landwirtschaft kann fast schon als inflationär bezeichnet werden. Die Arzneimittel werden nicht nur zur Behandlung von Infektionen eingesetzt – tatsächlich ist das eher einer der selteneren Anwendungsfälle. Viel öfter kommen Antibiotika zum Einsatz, um prophylaktisch gegen Infektionen vorzubeugen. Die Behandlung von gesunden Tieren um Erkrankungen im Vorfeld zu verhindern oder eine schnellere Gewichtszunahme zu garantieren ist an der Tagesordnung. Denn für die Landwirte ist die Behandlung mit Antibiotika günstiger als für Bedingungen zu sorgen, bei denen die Infektionsgefahr minimiert wäre.

Die Geschichte des Antibiotikums Colistin zeigt deutlich, wie hoch der Preis ist, den wir für die paar Cent günstigere Versorgung mit Fleisch und Eiern zahlen. In diesem Fall hat es noch ein Antibiotikum erwischt, dass wegen seiner Nephrotoxizität eher selten systemisch bei der Behandlung von Menschen zum Einsatz kommt, aber was nun mit Colistin geschehen ist, kann mit jedem anderen Antibiotikum auch geschehen. Und genau das wird auch geschehen, wenn wir nicht bald anfangen, umzudenken. Irgendwann wird es Bakterien geben, die gegen jedes bekannte Antibiotikum resistent sind. Einen ähnlichen Effekt erleben wir bereits mit dem Bakterium MRSA. Sollte sich diese Entwicklung fortsetzen, werden in Zukunft Menschen auch in Industriestaaten an Infektionen sterben, die wir heute noch problemlos behandeln können.

Während wir in der EU dieser Entwicklung bereits in gewissem Maße entgegensteuern, werden in den USA jährlich 8900 Tonnen Antibiotika an Nutztiere verfüttert. Insgesamt, so heißt es in dem Bericht, werde sich die Menge der weltweit in der Landwirtschaft eingesetzten Antibiotika bis 2030 verdoppeln.

Antibiotika speziell für Tiere

Natürlich ist der Einsatz von Antibiotika auch in der Tierzucht nicht ganz zu vermeiden. Wie bei Menschen auch sind Antibiotika teilweise die einzigen Wirkstoffe, mit denen man bestimmten Infektionen bei den Tieren beikommen kann. Es ist der prophylaktische Einsatz, bei dem angesetzt werden muss. Dieser ließe sich problemlos durch verbesserte Haltungsbedingungen vermeiden – zumindest zu einem großen Teil. Dies wäre aber mit erhöhten Kosten verbunden, was in einer Welt, in der die Konsumenten daran gewöhnt sind, teilweise nur wenige Euro für ein Kilo Fleisch zu zahlen zu Problemen für die Landwirte führen würde. Allerdings gibt es Länder, die den Einsatz von Antibiotika zur prophylaktischen Behandlung bereits stark eingeschränkt haben und dennoch noch eine gut funktionierende Tierzucht-Industrie haben. Zum Vergleich: Die Produktion eines Kilogramm Fleischs in Dänemark ist mit dem Einsatz von 50 Milligramm Antibiotika verbunden. In Deutschland sind es mehr als 200 Milligramm. Und wir sind weltweit noch im unteren Mittelfeld.

Doch damit nicht genug: Noch wichtiger wäre es, bestimme, für die Behandlung von Menschen essentielle Antibiotika komplett aus der Landwirtschaft zu streichen. Momentan werden keine Antibiotika speziell für Tiere entwickelt. Ein Missstand, der unbedingt behoben werden muss, um die weitere Funktionsfähigkeit von Antibiotika in der Behandlung von Menschen zu garantieren.

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