Welches Geschlecht ein Mensch begehrt, ist kein Faktor, der einer freien Wahl unterworfen ist. Eine gegenteilige Behauptung kommt höchstens von kirchlichen Bekehrungsfanatikern oder Menschen, denen alles außerhalb der Heterosexualität fremd und bedrohlich erscheint. Schon seit den 1980er Jahren existieren wissenschaftliche Hinweise darauf, dass sexuelle Orientierung eine biologisch bedingte Komponente aufweist. Dieser Zusammenhang wurde nun durch aktuelle Forschungsergebnisse bekräftigt.


Homosexualität
Foto: Love, Andrea, Flickr, CC BY-SA 2.0

Letztes Jahr bestätigten Forscher einen Zusammenhang zwischen homosexueller Orientierung bei Männern und einer spezifischen chromosomalen Region. Dies korreliert mit dem Ergebnis einer Studie aus den 1990ern, die zu dem Schluss kam, es müsse ein sogenanntes “Gay-Gen” geben. Dieses Ergebnis verblieb jedoch über lange Zeit alleinstehend, auch wenn mehrere Studien aufzeigen konnten, dass Homosexualität eine erbliche Komponente hat. Die aktuelle Beweislage spricht für ein komplexes Geflecht aus Erbfaktoren und der Umgebung.

Aktuell ist die Frage nach der biologisch-genetischen Komponente von Homosexualität vor allem auf dem afrikanischen Kontinent wieder ein wichtiges Thema. Der Hintergrund ist, das in letzter Zeit in afrikanischen Ländern vermehrt Gesetze erlassen wurden, die Homosexualität kriminalisierten. Aus diesem Anlass hat die Academy of Science South Africa einen Bericht veröffentlicht, in dem der Forschungsstand aus den letzten 50 Jahren zum Thema sexuelle Orientierung evaluiert wurde.


Der aktuelle Stand der Forschung

Die 2014 eingesetzte Kommission der Academy of Science South Africa untersuchte diverse Studien mit unterschiedlichen Fragestellungen. Dabei konzentrierte sie sich unter anderem auf Studien, die Zusammenhänge im familiären Umfeld untersuchten. Im Ergebnis scheint eine genetische Komponenten bei Homosexualität nicht mehr weg diskutiert werden können – genauso wenig allerdings wie eine Umgebungs-Komponente, also die Frage, inwiefern das direkte Umfeld, in dem ein Mensch aufwächst, eine Auswirkung auf seine sexuelle Orientierung hat.

Mehrere Studien haben gezeigt, das homosexuelle Männer häufiger einen älteren Bruder haben als heterosexuelle Männer. Außerdem ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass der Bruder eines homosexuellen Mannes sich ebenso zum gleichen Geschlecht hingezogen fühlt. Ähnliches gilt für homosexuelle Frauen.

Besondere Bedeutung kommt bei dem Thema Studien mit identischen Zwillingen zu, da diese die gleichen genetischen Informationen teilen. Studien an Zwillingen kamen zu dem Ergebnis, dass homosexuelle Zwillingspaare unter identischen Zwillingen häufiger sind als unter nicht identischen Zwillingen.

Die Inzidenz von Homosexualität unter identischen Zwillingen fiel jedoch insgesamt geringer aus als erwartet. Daraus ergab sich der Schluss, dass die genetische Komponente der Homosexualität sich nicht an die Regeln der klassischen Genetik hält. Stattdessen scheint sie dem Mechanismus der Epigenetik zu folgen. Die Epigenetik beschäftigt sich mit dem Einfluss von Umweltfaktoren auf Gene, sei es vor oder nach der Geburt.

Die Bedeutung der Epigenetik für die Erbkomponente der Homosexualität

Für gewöhnlich haben Frauen zwei X-Chromosome, von denen sich eines in einem nicht aktiven Zustand befindet. Welches der X-Chromosomen inaktiv ist, bleibt dem Zufall überlassen. Studien an Müttern mit homosexuellen Söhnen wiesen nach, dass bei diesen die zufällige Komponente verloren geht und stets das selbe X-Chromosom deaktiviert wurde. Dies erlaubt den Schluss, dass eine bestimmte Region des X-Chromosoms eine Rolle bei der Festlegung der sexuellen Orientierung spielt.

Die Epigenetik-Theorie über Homosexualität geht davon aus, das die Prädisposition für diese sexuelle Orientierung durch die Vererbung sogenannter Epi-Marks über Generationen hinweg entsteht. Die Entwicklung dieser Epi-Marks werde durch Umweltfaktoren bestimmt.

Für die unmittelbare Zukunft steht die Wissenschaft vor der Aufgabe, zu untersuchen, ob diese Faktoren eine direkte Auswirkung auf die neuronale Entwicklung eines Fötus haben und so die sexuelle Orientierung direkt beeinflussen.

Ein kurzer Blick auf die Evolution

Aus evolutionärer Sicht galt Homosexualität lange Zeit als ein “darwinistisches Paradoxon”. Schließlich tragen homosexuelle Partnerschaften nicht wirklich zum Fortbestehen der menschlichen Spezies bei, was sie zum perfekten Ziel für die natürliche Selektion macht – vorausgesetzt, man erkennt die Existenz einer genetischen Komponente an. Würde diese Theorie zutreffen, würde Homosexualität in der Geschichte des Menschen immer wieder auftauchen, um dann wieder zu verschwinden. Dies ist aber nachgewiesenermaßen nicht der Fall. Homosexualität ist kein vorübergehendes Phänomen, sondern sowohl bei Menschen als auch bei vielen Tierarten ein fester Bestandteil der Entwicklungsgeschichte.

Neue wissenschaftliche Erkenntnisse legen jedoch nahe, dass die weiblichen Verwandte homosexueller Menschen mehr Nachwuchs erzeugen als Menschen ohne Homosexuelle in der Familie. Damit enthielte auch die Homosexualität einen evolutionären Vorteil.

Der Blick in die Zukunft

Eine Vielzahl von Studien weist eine biologische Determinierung der sexuellen Orientierung nach. Verantwortlich ist weder ein spezifisches Gen noch ein einzelner Umweltfaktor, sondern vielmehr ein komplexes Zusammenspiel. Die neuesten Ergebnisse bezüglich des X-Chromosoms deuten aber darauf hin, dass es eine spezifische Komponente gibt, die viel mit der sexuellen Orientierung zu tun hat. Als nächstes muss diese Region genauer identifiziert werden, um den Mechanismus, der unsere sexuelle Orientierung festlegt, weiter zu verstehen.

Dieses Verständnis kommt aber auch mit viel Verantwortung einher, da ein detailliertes Wissen über die Entstehung einer homosexuellen Orientierung in “Heilungsversuchen” resultieren könnte. Dieser Versuchung muss widerstanden werden, da sie einen elementaren Rückschritt der fortschreitenden Akzeptanz von Homosexualität in unserer Gesellschaft darstellen würde. Der endgültige Nachweis und das Verständnis der genetischen Komponente von Homosexualität würde aber auch ein großer Schritt in die richtige Richtung sein, der die Position homosexueller Paare im gesellschaftlichen Kontext erheblich steigern könnte.

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