Fasern, die sich wirklich selbst reparieren, statt bei kleinsten Schäden den Geist aufzugeben – das klingt wie aus einem Sci-Fi-Roman. Doch Forscher:innen der North Carolina State University und der University of Houston haben genau so ein Material entwickelt: eine selbstheilende faserverstärkte Polymerverbundstruktur, die interne Schäden mehrfach autonom beheben kann und damit die Lebensdauer moderner Strukturen dramatisch verlängert. Traditionelle Kohlefaser (im Bild) ist stark und leicht, lässt sich jedoch nach einer Beschädigung nur schwer reparieren. Reparaturstoff verbessert Kohlefasern Die meisten heute verwendeten faserverstärkten Polymere (FRP) kombinieren hochfeste Glas- oder Kohlefaserlagen mit einer polymeren Bindematrix wie Epoxidharz, was ihnen ein hervorragendes Verhältnis von Festigkeit zu Gewicht verleiht. Diese Materialien finden sich in Flugzeugflügeln, Windturbinen, Fahrzeugkomponenten und Raumfahrzeugen, doch genau ihre Schichtung macht sie anfällig für Delamination – das Ablösen der Faserschichten von der Matrix. Über Jahre hinweg führen solche Mikrorisse zu Festigkeitsverlust und schließlich zum strukturellen Versagen. Das innovative Material nutzt zwei zentrale technische Elemente: Auf die Faserverstärkung wird mithilfe von 3D-Druck ein thermoplastischer Reparaturwirkstoff aufgebracht, der als eine Art verklebende Zwischenschicht dient. Diese polymer-musterierte Schicht steigert bereits die Widerstandskraft des Verbunds gegen Delamination um das Zwei- bis Vierfache im Vergleich zu klassischen FRP-Lagern. Zusätzlich sind in die Struktur hauchdünne, kohlenstoffbasierte Heizelemente eingebettet, die auf elektrischen Strom reagieren. Wird das Material durch äußere Belastung beschädigt, erwärmen sich diese Elemente, schmelzen den thermoplastischen Wirkstoff und lassen ihn in die Risse fließen. Nach dem Abkühlen bildet sich wieder eine feste Bindung aus, die die ursprüngliche Integrität weitgehend zurückgewinnt. Diese Strategie ähnelt der Art und Weise, wie biologische Strukturen wie Knochen oder Holz Risse spontan schließen und reparieren, nur dass sie in einem synthetischen Hochleistungsmaterial stattfindet. Durch diesen automatisierten Prozess kann das Material mehr als tausend Mal seine Integrität wiederherstellen, ohne dass externe Reparaturmaßnahmen notwendig sind. Ergebnis: Jahrhunderte statt Jahrzehnte Konventionelle faserverstärkte Verbundwerkstoffe erreichen meist eine Lebensdauer im Bereich von einigen Jahrzehnten, bevor sie aus Sicherheits- oder Leistungsgründen ersetzt werden müssen. Die selbstheilende Variante überschreitet diese Spanne erheblich. Je nach Frequenz des Reparaturzyklus könnte die Lebensdauer auf mehrere Jahrhunderte steigen. Das ist nicht nur ein theoretischer Wert aus Laborversuchen: Die Entwickler:innen berichten, dass wiederholte, künstlich erzeugte Delaminationen über viele Zyklen hinweg repariert werden konnten, wobei der Materialwiderstand zunächst nur langsam abnahm. “Weil unser Verbundmaterial bereits zu Beginn deutlich zäher ist als konventionelle Verbunde, widersteht dieses selbstheilende Material Rissen besser als die laminierten Verbunde, die derzeit verwendet werden”, erklärt Jack Turicek, einer der Erstautor:innen der Studie. Ein derart langlebiges Material könnte die Umweltbilanz und Wirtschaftlichkeit zahlreicher Branchen verändern. Weniger Materialverschleiß bedeutet weniger Bedarf an Rohstoffen, weniger Produktions- und Wartungsaufwand und geringere Entsorgungskosten. Systeme, die weit entfernt von Wartungsstationen operieren – etwa Raumsonden oder abgelegene Windparks – könnten damit besonders profitieren. Tests unter realen Bedingungen stehen noch aus Trotz der immensen Vorteile bleiben offene Fragen, etwa wie robust das selbstheilende System unter realen Betriebsbedingungen ist und wie sich die thermische Aktivierung des Heilmechanismus in komplexen Strukturen technisch zuverlässig umsetzen lässt. Schäden an den Faserlagen selbst, etwa durch Einschläge oder extreme Belastungen, werden durch den thermoplastischen Reparaturmechanismus nicht direkt adressiert, was die Grenzen der Methode markiert. Zudem müssen Herstellungsprozesse und elektrische Aktivierung in serienreifen Produkten noch effizienter gestaltet werden. Die Forschung in selbstheilenden Verbundwerkstoffen gehört zu einem breiteren Trend im Materialdesign, bei dem adaptive, langlebige Strukturen angestrebt werden, die sich an ihre Umgebung anpassen und ihren Dienst über Generationen leisten können. Teile den Artikel oder unterstütze uns mit einer Spende. Facebook Facebook Twitter Twitter WhatsApp WhatsApp Email E-Mail Newsletter