Das Standardmodell der Teilchenphysik gilt als das erfolgreichste theoretische Gebäude, das die Wissenschaft bisher errichtet hat – es beschreibt die fundamentalen Bausteine des Universums sowie die Kräfte zwischen ihnen mit außerordentlicher Präzision. Doch seit 2022 nagte ein hartnäckiger Zweifel an seinem Fundament: Eine Messung am Fermilab in den USA hatte ergeben, dass das W-Boson, Trägerteilchen der schwachen Kernkraft, merklich schwerer ist als die Theorie erlaubt. Eine neue Studie, die in der Fachzeitschrift Nature erschienen ist, legt nun nahe, dass jener Befund ein statistischer Ausreißer gewesen sein dürfte – und das Standardmodell tatsächlich standhält. Bild: Pixelrise Was das W-Boson so besonders macht Das W-Boson ist kein alltägliches Teilchen. Als Trägerteilchen der schwachen Kernkraft vermittelt es jene Prozesse, durch die sich Protonen in Neutronen verwandeln und umgekehrt – ein Mechanismus, der radioaktiven Zerfall antreibt und die Kernfusion im Inneren der Sonne überhaupt erst ermöglicht. Seine Masse ist dabei kein beliebiger Messwert, sondern ein Wert, der sich aus dem Gesamtgefüge des Standardmodells ableiten lässt und deshalb präzise vorhergesagt werden kann. Je genauer Physiker:innen diesen Wert experimentell bestimmen, desto besser lässt sich prüfen, ob die Theorie vollständig ist – oder ob bislang unbekannte Teilchen und Kräfte im Verborgenen wirken. Eine Milliarde Kollisionen, ein einziger Wert Das internationale Forschungsteam der CMS-Kollaboration am Large Hadron Collider des CERN in der Schweiz wertete Daten aus dem Jahr 2016 aus – weit mehr als eine Milliarde Proton-Proton-Kollisionen. Das W-Boson selbst entzieht sich dabei jeder direkten Beobachtung: Es existiert nur für einen unvorstellbar kurzen Moment, bevor es in zwei Folgenteilchen zerfällt, ein Myon und ein Neutrino. Da Neutrinos von keinem Detektor erfasst werden können, mussten die Wissenschaftler:innen allein das Myon präzise vermessen und daraus auf die Masse des kurzlebigen Mutterteilchens rückschließen. Um systematische Fehler zu minimieren, produzierten sie vier Milliarden Simulationen unterschiedlicher Kollisionsszenarien und glichen diese mit den tatsächlichen Messdaten ab. Das Ergebnis war eindeutig: eine W-Boson-Masse von 80.360,2 ± 9,9 Megaelektronenvolt, in guter Übereinstimmung mit den Vorhersagen des Standardmodells und erheblich niedriger als der 2022 am Tevatron ermittelte Wert. Bestätigung mit Vorbehalt Die neue Messung erreicht dieselbe Präzision wie die umstrittene CDF-Messung von 2022, widerspricht ihr inhaltlich aber deutlich. Kenneth Long, Erstautor der Studie vom Massachusetts Institute of Technology, spricht von „ehrlich gesagt einer großen Erleichterung“ und sieht in dem Ergebnis eine wichtige Bestätigung des Vertrauens in das Standardmodell. Da zugleich mehrere frühere, unabhängige Experimente in eine ähnliche Richtung weisen, gilt die 2022 festgestellte Abweichung nun als wahrscheinliches Artefakt messtechnischer Eigenheiten. Dennoch ziehen die Beteiligten keinen voreiligen Schlussstrich. Christoph Paus vom MIT betont, man sei „damit noch nicht durch„: Zusätzliche Daten und weiter verfeinerte Analyseverfahren sollen künftig noch belastbarere Aussagen darüber ermöglichen, ob das W-Boson und damit ein zentraler Pfeiler des physikalischen Weltbilds wirklich vollständig verstanden ist. Die grundsätzliche Frage, ob jenseits des Standardmodells unentdeckte Physik auf ihre Entdeckung wartet, bleibt damit offen – wenn auch mit spürbar weniger Dringlichkeit als zuvor. via Massachusetts Institute of Technology Teile den Artikel oder unterstütze uns mit einer Spende. Facebook Facebook Twitter Twitter WhatsApp WhatsApp Email E-Mail Newsletter