Tropische Wälder gelten seit Langem als wichtige Kohlenstoffspeicher und Hotspots der Biodiversität. Weniger bekannt ist jedoch eine weitere zentrale Funktion dieser Ökosysteme: Sie wirken aktiv an der Entstehung von Regen mit. Neue Forschungsergebnisse zeigen nun, dass tropische Wälder nicht nur auf Niederschläge angewiesen sind, sondern selbst entscheidend dazu beitragen, sie zu erzeugen. Damit beeinflussen sie Wasserverfügbarkeit, Landwirtschaft und regionale Klimasysteme in einem bislang unterschätzten Ausmaß.


Wälder als Motor des Wasserkreislaufs

Der Zusammenhang zwischen Vegetation und Niederschlag beruht auf einem physikalisch-biologischen Prozess namens Evapotranspiration. Dabei nehmen Bäume Wasser über ihre Wurzeln auf und geben es über ihre Blätter als Wasserdampf an die Atmosphäre ab. Diese Feuchtigkeit trägt zur Wolkenbildung bei und fällt später als Regen wieder zur Erde zurück. Tropische Wälder fungieren somit als aktive Bestandteile eines sich selbst verstärkenden Wasserkreislaufs.


Aktuelle Analysen, die Satellitendaten mit modernen Klimamodellen kombinieren, zeigen erstmals präziser, wie groß dieser Effekt tatsächlich ist. Im Durchschnitt erzeugt jeder Quadratmeter tropischen Waldes rund 240 Liter Niederschlag pro Jahr, im Amazonasgebiet sogar etwa 300 Liter. Umgerechnet entspricht das pro Hektar etwa 2,4 Millionen Litern Regen jährlich – genug, um ein olympisches Schwimmbecken zu füllen.

Die Ergebnisse verdeutlichen, dass Wälder nicht lediglich passiv auf klimatische Bedingungen reagieren. Vielmehr stabilisieren sie regionale Wettersysteme aktiv. Ein Teil des verdunsteten Wassers kehrt direkt in die Vegetation zurück, während der Rest Flüsse, Böden und Grundwasser speist und so weit entfernte Regionen beeinflussen kann.

Ein unterschätzter wirtschaftlicher Wert

Besonders bemerkenswert ist der Versuch der Forscher:innen, den durch Wälder erzeugten Regen erstmals ökonomisch zu bewerten. Die Studie schätzt, dass allein der vom Amazonasregenwald erzeugte Niederschlag für die Landwirtschaft einen Wert von etwa 20 Milliarden US-Dollar pro Jahr besitzt.

Diese Zahl ergibt sich aus der Bedeutung von Regen für Ernten, Wasserversorgung und Energieproduktion. Viele Agrarsysteme in tropischen Regionen sind stark vom natürlichen Niederschlag abhängig. In Brasilien etwa werden rund 85 Prozent der landwirtschaftlichen Flächen ausschließlich durch Regen bewässert. Veränderungen im Niederschlagsmuster wirken sich daher unmittelbar auf Erträge und wirtschaftliche Stabilität aus.

Studienleiterin Jess Baker bezeichnet die Ergebnisse als „die umfassendsten und robustesten Belege“ für den Wert der Regenproduktion tropischer Wälder. Gleichzeitig betont sie, dass diese Leistung bislang kaum in politischen oder wirtschaftlichen Entscheidungen berücksichtigt werde.

Die wirtschaftliche Perspektive soll helfen, Naturschutz nicht nur ökologisch, sondern auch ökonomisch zu begründen. Wenn Regen als messbare Ökosystemleistung verstanden wird, könnten Investitionen in Waldschutz stärker gerechtfertigt erscheinen.

Die Folgen der Entwaldung für Klima und Ernährung

Die Forschung macht zugleich deutlich, wie empfindlich dieses System ist. Abholzung reduziert nicht nur die Waldfläche, sondern schwächt auch den regionalen Wasserkreislauf. Schätzungen zufolge hat der Verlust von rund 80 Millionen Hektar Amazonaswald die jährlichen Niederschlagsleistungen bereits um mehrere Milliarden Dollar verringert.

Die Auswirkungen reichen weit über die unmittelbaren Rodungsgebiete hinaus. Weniger Regen kann verspätete Regenzeiten, sinkende Ernteerträge und Probleme bei der Stromproduktion aus Wasserkraft nach sich ziehen. Selbst Trinkwasserversorgung und Flussschifffahrt können betroffen sein, da viele dieser Systeme indirekt vom durch Wälder erzeugten Niederschlag abhängen.

Die Erkenntnis, dass Wälder ihr eigenes Klima teilweise stabilisieren, verändert zudem den Blick auf mögliche Kipppunkte im Erdsystem. Schrumpft die Waldfläche zu stark, könnte ein sich selbst verstärkender Prozess einsetzen: Weniger Wald führt zu weniger Regen, was wiederum weiteres Waldsterben begünstigt.

via University Leeds

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