Loperamid ist ein Allerwelts-Arzneimittel. Eingesetzt wird es gegen Durchfall. Sjoerd van Wijk vom Institut für Experimentelle Tumorforschung in der Pädiatrie der Goethe-Universität hat eine weitere Anwendungsmöglichkeit entdeckt. Das Präparat wirkt gegen Hirntumore, die mit herkömmlichen Therapien wie Bestrahlung nur schwer zu bekämpfen sind. Loperamid führt in bestimmten Tumorzellen zu einer Stressreaktion im Endoplasmatischen Retikulum (ER), dem Zellorganell, das für wesentliche Schritte der Proteinsynthese im Körper verantwortlich ist. Das wiederum hat einen ungewöhnlichen Effekt. Die Tumorzellen begehen gewissermaßen Selbstmord, sie fressen sich selbst auf. Autophagie nennt man das.


In Zellen des Hirntumors Glioblastom löst das Durchfallmittel Loperamid den Abbau des Endoplasmatischen Retikulums aus: Im Normalzustand ist es in diesen Mikroskopie-Aufnahmen gelb gefärbt, den Abbauzustand leuchtet es als rotes Signal (im Ausschnitt mit Pfeilen markiert). Balken linkes Bild: 20 Mikrometer, Balken rechtes Bild („Inset“): 5 Mikrometer. (Fotos: Svenja Zielke et. al.)

Gesunde Zellen werden nicht attackiert

„Unsere Experimente mit Zelllinien zeigen, dass Autophagie bei Glioblastom-Hirntumoren die Behandlung unterstützen könnte“, so van Wijk. Das Glioblastom ist eine sehr aggressive und meist tödlich endende Krebsform bei Kindern und Erwachsenen, die schlecht auf bisherige Therapien reagiert. Daher suchen Forscher neue Behandlungsmöglichkeiten.

Das Durchfallmittel könnte es sein. Es wirkt ausschließlich auf Krebszellen, nicht jedoch auf gesundes Gewebe. Im Darm etwa wirkt es nur an bestimmten Bindestellen und wird nicht wirklich vom Körper aufgenommen. Der Loperamid-induzierte Zelltod von Glioblastomzellen könnte helfen, neue Therapieansätze für die Behandlung dieser schweren Krebserkrankung zu entwickeln. „Unsere Erkenntnisse eröffnen aber auch neue spannende Möglichkeiten für andere Krankheiten, bei denen der ER-Abbau gestört ist, etwa Nervenzell- oder Demenz-Erkrankungen sowie weitere Tumorarten“, so van Wijk.


Blut-Hirn-Schranke muss überwunden werden

Bevor Loperamid allerdings tatsächlich bei der Behandlung von Glioblastomen oder anderen Erkrankungen eingesetzt werden kann, müssen die Forscher um van Wijk einen Weg finden, wie Loperamid ins Gehirn transportiert werden und die Blut-Hirn-Schranke durchdringen kann. Diese verhindert, dass Fremdstoffe aus dem Blut ins Hirn eindringen können. Loperamid würde als Schädling identifiziert, also nicht durchgelassen. Mit Nanopartikeln als Transporter könnte es dennoch gehen, meinen die Forscher. Es wird also noch eine Weile dauern, ehe Loperamid als Krebskiller eingesetzt werden kann.

@Goethe Universität Frankfurt

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