Seit Jahrhunderten schon wird an der menschlichen Anatomie geforscht. Zumindest was die makroskopische Anatomie angeht, ging man davon aus, dass keine neuen Erkenntnisse mehr möglich sein. Jedes Gefäß, jeder Muskel im menschlichen Körper war bekannt und hatte einen Namen. Kürzlich jedoch entdeckte ein Team von Wissenschaftlern ein neues Lymphgefäß, das über die bisherige obere Grenze des Lymphsystems hinausreicht und dieses mit dem Gehirn verbindet.


Eine radikale Behauptung

Bisher war es allgemein anerkannt, dass das menschliche Lymphsystem am Hals endet. Damit wäre eine bisher unbekannte direkte Verbindung zwischen dem Gehirn und dem Immunsystem bewiesen, was für die Entwicklung von Heilmitteln gegen Krankheiten wie multiple Sklerose (MS) oder Alzheimer von entscheidender Bedeutung sein.


Derartige radikale Behauptungen benötigen für gewöhnlich ausgiebigen Nachweis, bevor sie anerkannt werden. Insbesondere scheint dies in dem vorliegenden Fall zu gelten. Es scheint extrem unwahrscheinlich, dass nach Jahrhunderten der Erforschung der Anatomie durch das Sezieren von Leichen ein derart prominentes Gefäß unentdeckt geblieben ist. Aber genau das ist die Behauptung von Professor Jonathan Kipnis von der University of Virginia.

“It changes entirely the way we perceive the neuro-immune interaction. We always perceived it before as something esoteric that can’t be studied. But now we can ask mechanistic questions” so Kipnis.

Hilfe im Kampf gegen Krankheiten

MS ist ein Beispiel für eine Krankheit, bei der das Immunsystem das Gehirn angreift, wobei die Mechanismen und Gründe hinter diesem Vorgang bisher kaum erforscht sind. Erkenntnisse über ein komplett neues Lymphgefäß, das eine Verbindung zwischen dem menschlichen Immunsystem und dem Gehirn herstellt, könnte das Verständnis dieser Krankheit grundlegend verändern. Gleiches gilt für Alzheimer, eine Krankheit, über deren Pathogenese noch weniger bekannt ist. Auch Kipnis ist überzeugt, dass er eine wichtige Entdeckung gemacht hat: “We believe that for every neurological disease that has an immune component to it, these vessels may play a major role.

Auch Kipnis selber viel es schwer, seiner Entdeckung glauben zu schenken: “I thought that these discoveries ended somewhere around the middle of the last century. But apparently they have not”. Nach weitreichender Erforschung seiner Hypothese waren Kipnis und eine Gruppe von Coautoren von einigen von Virginias besten Instituten für Neurowissenschaften überzeugt, tatsächlich ein bisher völlig unbekanntes Lymphgefäß entdeckt zu haben. Das Dazugehörige Lymphnetz startet hinter den Augen und folgt dem Bulbus olfactorius, um dann zu den Sinus zu gelangen.

Zuerst an Tieren entdeckt

Bevor das Team den bisher unentdeckten Teil des Lymphsystems am Menschen bestätigte, wurde es an lebendigen Tieren nachgewiesen. Behilflich dabei war der Neurowissenschaftler Dr. Tajie Harris. Offenbar wurde das große Lymphgefäß bisher wegen spezieller Sezierungsmethoden und seiner Nähe zu einem Blutgefäß nicht entdeckt.

The vessels express all of the molecular hallmarks of lymphatic endothelial cells, are able to carry both fluid and immune cells from the cerebrospinal fluid, and are connected to the deep cervical lymph nodes*“, so Kipnis weiter.

Das entdeckte Lymphnetzwerk hat viele Ähnlichkeiten zum peripheren Lymphsystem, weist aber einige Besonderheiten auf. Es ist weitaus weniger komplex und besteht aus engeren Gefäßen.

Die Entdeckung verstärkt die Vermutung, dass auch in gesunden Gehirnen Immunzellen präsent sind, was bisher stark bezweifelt wurde.

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1 Kommentar

  1. Romy Matthias

    4. Juni 2015 at 11:37

    Wahnsinn, dabei denkt man, dass der Mensch das beste erforschte Lebewesen der Welt sei. LG Romy

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