Die Entdeckung von Penicillin durch Alexander Fleming im Jahr 1928 stellte einen Wendepunkt in der Medizin dar. Sie ebnete den Weg für die Entwicklung zahlreicher Antibiotika, die Infektionen als eine der Haupttodesursachen praktisch eliminierte. Natürlich können auch heute noch Menschen an Infektionen sterben, aber dies geschieht bei weitem nicht mehr so häufig wie vor der Entdeckung von Antibiotika. Doch die inflationäre Verwendung von Antibiotika in der Humanmedizin und vor allem in der Massentierhaltung führt zu immer mehr Resistenzen – und eines Tages werden wir über keine wirksamen Antibiotika mehr verfügen, was einen weiteren Wendepunkt darstellen wird – diesmal zum Schlechten. Wie eine Welt ohne Antibiotika aussehen könnte, führt Roger Pickup von der Lancaster University bei The Conversation aus.


Foto:  Antibiotics, Iqbal Osman, Flickr, CC BY-SA 2.0
Foto: Antibiotics, Iqbal Osman, Flickr, CC BY-SA 2.0

Momentan lassen sich die meisten Infektionen noch mit Antibiotika behandeln. Nur wenige Bakterien sind gegen die Antibiotika-Gruppe der Colistine resistent. Aber die Geschichte lehrt uns, dass das nicht so bleiben wird, und bereits jetzt tauchen in den USA und in China immer mehr colistinresistente Bakterien auf.

Die Entdeckung von neuen Antibiotika ist so selten geworden, dass sie praktisch nicht mehr existent ist. Wissenschaftler konzentrieren sich deshalb darauf, die existierenden Antibiotika im Kampf gegen Resistenzen zu schützen. Es gibt gute Ansätze, aber allgemein gehen Experten davon aus, dass das das Szenario der “absoluten Resistenz” zwar hinausgezögert, nicht aber verhindert werden kann.


Eine Welt ohne Antibiotika

Um uns klar zu machen, wie die Welt ohne Antibiotika aussähe, müssen wir nur 70 Jahre zurückgehen. Zwischen den 1940er und 1960er Jahren wurden zahlreiche Antibiotika entdeckt und/oder als Medikament einsetzbar gemacht. Infektionskrankheiten waren vor diesem “goldenen Zeitalter” der Antibiotika die Haupttodesursache für Menschen. Krankheiten wie Krebs oder Gefäß- und Herzerkrankungen, die diese Liste heute anführen, kamen erst weit danach. Viele der Infektionskrankheiten, die die Menschen damals dahinrafften, existieren noch heute und sind häufig noch effizienter. Nur gelingt es uns bisher, sie mit Hilfe von Antibiotika im Zaum zu halten. Die zu starke Nutzung von Antibiotika heutzutage ist der entscheidende Motor hinter der Entwicklung von Antibiotika-Resistenzen.

Infektionskrankheiten wären heute eine noch größere Gefahr als damals, wenn wir keine Antibiotika mehr hätten. Die Menschen leben heute viel dichter zusammen als noch vor 70 Jahren, was eine gute Voraussetzung für die Verbreitung von Infektionen ist. Zudem führt ironischerweise die Tatsache, dass wir heute in einer saubereren Welt leben dazu, dass die Menschen anfälliger für Infektionen sind.

Erreger von gefährlichen, relativ neuen Krankheiten wie Legionellen-Infektionen, der Lyme-Borreliose oder der Leptospirose evolvieren stetig und werden mit der Zeit immer mehr Resistenzen entwickeln, bis sie gegen Antibiotika praktisch immun sind. Aber auch “alte” Krankheiten wie etwa Tuberkulose wären ohne Antibiotika wieder richtig gefährlich, ganz zu schweigen von Lungenentzündungen.

Antibiotika sind außerdem essentiell für Patienten, die eine Organ-Transplantation unterliefen. Die genutzten immunsuppressiven Medikamente machen diese Patienten extrem anfällig für Infektionen, ohne Antibiotika wären Transplantationen daher zumindest nach aktuellem medizinischen Stand so gut wie unmöglich.

Bakterien haben ein Resistenz-Gedächtnis

Wenn die übermäßige Nutzung von Antibiotika Resistenzen unterstützt, müssten diese dann nicht praktisch wieder verschwinden, wenn wir keine Antibiotika mehr nutzen können? Theoretisch schon. Aber: Zum einen würden Millionen und Abermillionen Menschen an Infektionskrankheiten versterben, bevor es wieder sicher wäre, Antibiotika zu nutzen. Zum anderen bleibt ein kleines Reservoir an immunen Exemplaren im Genpool eines Bakteriums, was die Resistenz blitzschnell wieder auftauchen lassen würde, sobald ein bestimmtes Antibiotikum wieder genutzt werden würde.

Ein Durchbruch ist zwingend notwendig

Wir müssen zwingend daran arbeiten, einen Durchbruch im Kampf gegen Antibiotika-Resistenzen zu erreichen. Denn wie eine Welt ohne Antibiotika wirklich aussähe, ist kaum vorstellbar. Infektionen verbreiten sich durch Handschläge, Umarmungen, aber auch auf Flugrouten, in Bussen und Zügen. Wie wir mit den neu aufflackernden Infektionskrankheiten, die wie Feuer um sich greifen würden, umgehen würden, lässt sich nicht sagen. Recht extreme Beispiele finden sich aber in der Science-Fiction-Literatur.

Die Problematik rückt zum Glück immer mehr in die Aufmerksamkeit von Regierungen und der Öffentlichkeit. Es bleibt zu hoffen, dass es noch nicht zu spät ist, um wirklich etwas zu unternehmen.

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1 Kommentar

  1. Christoph

    15. Juni 2016 at 23:51

    Ich erinnere mich da an ein altes Beispiel. Damals waren wir mit unseren Haustieren beim Tierarzt wegen Flöhen. Er meinte, dass man leider regelmäßig das Preparat wechseln müsse, weil die kleinen Kerlchen auf Dauer dagegen immun werden. Dann gab es aber einen neuen Ansatz. Man hat ein Medikament entwickelt, dass die Flöhe gar nicht tötet, sondern ihre Jungtiere in den Eiern schwächt. Also entweder wirkte es direkt auf die Eier oder bewirkte, dass die Flöhe solche geschwächten Eier legten. Durch diese Schwäche kamen die nicht aus ihren Eiern raus und starben. Somit ergab sich keine Immunität. Auch dagegen könnte der Darwinismus irgendwann einen Weg finden, aber vielleicht nicht so schnell. Könnte man das bei Keimen nicht auch machen? Man hindert sie an der Teilung.

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