Die Karibikinsel Barbados wird gerade zum Schauplatz eines der spannendsten Experimente in der Nutzung maritimer Energien: Ein dänisches Technologieunternehmen bringt dort ein Wellenkraft- und Entsalzungssystem in Richtung kommerzieller Pilotphase. Bild: Wavepiston Innovatives Konzept zur Energiegewinnung Im Kern basiert das System auf einer eher unkonventionellen Idee: Anstelle einzelner großer Generatoren nutzt das Konzept lange, im Meer verankerte Strings mit vielen sogenannten Energie-Kollektoren, an denen kleine „Segel“ unter Wasser angebracht sind. Wenn eine Welle vorüberzieht, bewegen sich diese Segel hin und her. Dieser kontinuierliche Wellengang treibt hydraulische Pumpen an, die Meerwasser unter Druck setzen und an Land zu einer Umwandlungsanlage transportieren. Dort kann der hohe Druck entweder über eine Turbine in elektrische Energie umgewandelt werden oder in eine herkömmliche Umkehrosmose-Einheit zur Erzeugung von Trinkwasser eingespeist werden. Dieses Verfahren hat zwei entscheidende Vorteile gegenüber vielen klassischen Wellenkraftkonzepten: Die Energie wird nicht in kurzen, intensiven Schüben, sondern recht gleichmäßig geliefert, was die Integration in bestehende Energiesysteme erleichtert. Gleichzeitig reduziert ein patentiertes Kraft-Kompensationsprinzip die Belastung der Verankerung und senkt so die Bau- und Wartungskosten. Vom Papier zur Pilotphase Bevor es zur Unterzeichnung einer Absichtserklärung kam, stand eine umfassende Machbarkeitsprüfung. Im Rahmen der Initiative „Wave Energy in Barbados“ wurde gemeinsam mit der staatlichen Wirtschaftsförderung Export Barbados untersucht, wie geeignet die atlantischen Wellenbedingungen, die bestehende Infrastruktur und die regulatorischen Rahmenbedingungen für eine größere Anlage sind. Die Analyse bestätigte das Potenzial des Standorts und lieferte zugleich Hinweise darauf, welche technischen Anpassungen erforderlich sind. Anfang 2026 folgte schließlich ein Memorandum of Understanding, das den Übergang von der Analyse zur konkreten Projektentwicklung markiert. Geplant ist ein kommerzielles Pilotprojekt mit einer Leistung von bis zu 50 Megawatt. Vertreter:innen des Unternehmens betonten dabei, dass Barbados die Chance habe, „eine Vorreiterrolle in der Nutzung von Wellenenergie in der Region einzunehmen“. Gleichzeitig verwies die staatliche Seite auf das strategische Ziel, die Abhängigkeit von importierten fossilen Brennstoffen deutlich zu verringern. Energie- und Wassersicherheit für Inselstaaten Für kleine Inselstaaten stellt die Kombination aus Energieerzeugung und Meerwasserentsalzung einen besonderen Mehrwert dar. Die Stromproduktion kann kontinuierlich erfolgen, da Ozeanwellen im Vergleich zu Wind und Sonne weniger stark tageszeitlichen Schwankungen unterliegen. Der dabei erzeugte hydraulische Druck lässt sich direkt für Entsalzungsanlagen nutzen, wodurch zusätzliche Umwandlungsschritte entfallen. Auf diese Weise entsteht ein integriertes System, das zwei zentrale Versorgungsfragen gleichzeitig adressiert. Über die reine Energiefrage hinaus wird das Projekt auch als wirtschaftspolitisches Signal verstanden. Neben dem Aufbau lokaler Kompetenzen sollen Arbeitsplätze entstehen und technologische Wertschöpfung im Land verbleiben. Sollte sich die Anlage im Realbetrieb bewähren, könnte das Modell auf andere Küstenregionen übertragen werden, die vor ähnlichen Herausforderungen stehen. Das Vorhaben in Barbados steht damit exemplarisch für einen Ansatz, erneuerbare Energien nicht isoliert zu betrachten, sondern sie mit anderen infrastrukturellen Bedürfnissen zu verknüpfen. Das Meer wird dabei nicht nur als Landschaft oder Verkehrsraum verstanden, sondern als multifunktionale Ressource, deren Potenzial bislang erst in Ansätzen ausgeschöpft ist. via Wavepiston Teile den Artikel oder unterstütze uns mit einer Spende. Facebook Facebook Twitter Twitter WhatsApp WhatsApp Email E-Mail Newsletter
Energie aus dem Atlantik: Auf Barbados wird eine Kombination aus Wellenkraftwerk und Entsalzungsanlage getestet