Die Kernfusion gilt seit Jahrzehnten als eine mögliche Energiequelle der Zukunft, doch der Weg vom physikalischen Prinzip zum funktionierenden Kraftwerk ist lang, teuer und technisch heikel. Nun soll ausgerechnet in Bayern ein Projekt entstehen, das diesen Übergang deutlich beschleunigen will. Im Mittelpunkt steht das Münchner Startup Proxima Fusion, das gemeinsam mit dem Max-Planck-Institut für Plasmaphysik, RWE und der bayerischen Staatsregierung eine Rahmenvereinbarung für einen Demonstrationsreaktor unterzeichnet hat. Geplant ist ein sogenannter Stellarator mit dem Namen Alpha, der in Garching entstehen soll und als Zwischenschritt auf dem Weg zu einem späteren Kraftwerk gedacht ist. Symbolbild Vom Forschungsgerät zum Demonstrator Der entscheidende Punkt an diesem Vorhaben ist, dass hier nicht sofort ein kommerzielles Kraftwerk gebaut werden soll. Zunächst geht es um eine Demonstrationsanlage, die zeigen soll, dass sich zentrale physikalische und technische Anforderungen eines späteren Fusionskraftwerks in eine konkrete Maschine übersetzen lassen. Das Projekt knüpft dabei direkt an die Arbeiten des IPP und insbesondere an die Erfahrungen mit Wendelstein 7-X in Greifswald an. Dort wurde über Jahre untersucht, ob ein optimierter Stellarator stabile und hochwertige Plasmaeigenschaften erreichen kann. Nach Darstellung des IPP soll Alpha diese Erkenntnisse nun nutzen, um den nächsten Schritt in Richtung wirtschaftlicher Nutzung vorzubereiten. Warum ausgerechnet ein Stellarator? In der Fusionsforschung stehen verschiedene Reaktorkonzepte im Wettbewerb. Besonders bekannt ist der Tokamak, doch Proxima Fusion und das IPP setzen auf den Stellarator. Dieses Konzept gilt als komplizierter in Konstruktion und Berechnung, hat aber einen möglichen Vorteil: Es ist grundsätzlich auf Dauerbetrieb ausgelegt. Genau das macht es für eine spätere Stromerzeugung interessant. IPP-Direktorin Sibylle Günter formuliert es so: „Dieser Ansatz verfolgt das Ziel, ein Fusionskraftwerk zu realisieren, das von Natur aus für den Dauerbetrieb ausgelegt ist.“ Zugleich verweist sie darauf, dass Wendelstein 7-X bereits gezeigt habe, „dass ein optimierter Stellarator hervorragende Plasmaeigenschaften erreichen kann“. Das klingt nach Rückenwind, ist aber noch kein Freifahrtschein. Denn auch das IPP betont, dass auf dem Weg zu einem Kraftwerk noch offene Fragen beantwortet werden müssen. Große Ambitionen, große Risiken Besonders auffällig ist das Tempo, das Proxima Fusion anpeilt. Die Anlage soll in sechs bis sieben Jahren in Betrieb gehen. Für die Fusionsforschung ist das fast schon eine Ansage mit hochgezogener Augenbraue. Gleichzeitig ist das Projekt finanziell ein Schwergewicht: Allein Alpha wird mit rund zwei Milliarden Euro veranschlagt. Bayern stellt bis zu 400 Millionen Euro in Aussicht, ein weiterer Teil soll von privaten Investor:innen kommen, und auch auf Unterstützung des Bundes wird gesetzt. Parallel dazu wird bereits an eine spätere Anlage namens Stellaris gedacht, die am ehemaligen Kernkraftwerksstandort Gundremmingen entstehen könnte. Ob dieses Vorhaben tatsächlich zum Durchbruch führt, ist offen. Bisher ist die Kernfusion weltweit noch nicht dort angekommen, wo dauerhaft mehr nutzbare Energie herauskommt, als insgesamt investiert werden muss. Dennoch zeigt das Projekt, dass sich die Fusionsforschung in Deutschland gerade verändert: weg von rein langfristiger Grundlagenarbeit, hin zu konkreten industriellen Entwicklungsplänen. Für Proxima Fusion geht es nach den Worten von Gründer Francesco Sciortino sogar darum, „eine ganz neue Industrie zu bauen“. Genau darin liegt die eigentliche Bedeutung des Projekts: nicht als fertige Lösung, sondern als ernsthafter Versuch, aus einem Forschungsversprechen eine Technologie mit realem Kraftwerksanspruch zu machen. via Max-Planck-Institut für Plasmaphysik Teile den Artikel oder unterstütze uns mit einer Spende. Facebook Facebook Twitter Twitter WhatsApp WhatsApp Email E-Mail Newsletter
Fusionsenergie made in Germany? Warum ein Stellarator in Bayern die Fusionsforschung verändern könnte