In der Sitcom „The Big Bang Theory“ scheitern zwei Physiker daran, in einem Fusionsreaktor exotische Teilchen zu erzeugen – ein Running Gag, der wissenschaftlich lange als unrealistisch galt. Genau dieses fiktionale Problem hat nun reale Physik inspiriert. Ein Forschungsteam um Jure Zupan von der University of Cincinnati hat einen theoretischen Ansatz entwickelt, der zeigt, unter welchen Bedingungen Fusionsreaktoren tatsächlich Axionen oder axionähnliche Teilchen hervorbringen könnten. Was als popkulturelle Referenz begann, führt damit direkt zu einer ernsthaften Debatte über dunkle Materie und grundlegende Fragen der Kosmologie. Axionen als Schlüssel zur dunklen Materie Axionen gehören zu den seit Jahrzehnten diskutierten hypothetischen Teilchen der Teilchenphysik. Ursprünglich wurden sie eingeführt, um ein theoretisches Problem der Quantenchromodynamik zu lösen, rückten aber bald aus einem anderen Grund in den Fokus: Sie gelten als vielversprechende Kandidaten für die dunkle Materie. Diese unsichtbare Materieform macht den größten Teil der Masse im Universum aus und prägt die großräumige Struktur von Galaxien und Galaxienhaufen. Trotz ihrer enormen Bedeutung entzieht sie sich bislang jeder direkten Messung, weshalb neue theoretische und experimentelle Zugänge besonders gefragt sind. Im Kontext der Kosmologie spielt dunkle Materie eine zentrale Rolle für das Verständnis der Entwicklung des Universums seit dem Urknall. Modelle der Frühphase des Kosmos kommen kaum ohne sie aus. Axionen könnten diese Lücke schließen, doch ihr Nachweis gestaltet sich schwierig, da sie extrem schwach mit gewöhnlicher Materie wechselwirken. Genau hier setzt die neue Arbeit an, indem sie einen bislang wenig beachteten Produktionsmechanismus untersucht, der nicht auf kosmische Prozesse oder große Teilchenbeschleuniger angewiesen ist. Fusionsreaktoren als theoretische Axionenquellen Die Studie analysiert Fusionsreaktoren, wie sie für die zukünftige Energieerzeugung entwickelt werden, aus einer ungewohnten Perspektive. In solchen Reaktoren verschmelzen schwere Wasserstoffisotope bei extrem hohen Temperaturen, wobei große Mengen an Neutronen freigesetzt werden. Diese Neutronen verlassen das heiße Plasma und treffen auf die umgebenden Reaktorwände. Nach dem Modell der Forscher:innen können genau diese Wechselwirkungen neue Teilchen hervorbringen, darunter auch Axionen. Zentral ist dabei die Idee, dass Neutronen beim Abbremsen in der Wandstruktur sogenannte Bremsstrahlung erzeugen. Unter bestimmten Bedingungen könnte diese Strahlung in axionartige Teilchen umgewandelt werden. Jure Zupan beschreibt den Mechanismus nüchtern: „Neutronen interagieren mit dem Material in den Wänden. Die daraus resultierenden Kernreaktionen können neue Teilchen erzeugen.“ Entscheidend ist, dass hierfür keine exotischen oder unrealistischen Annahmen nötig sind, sondern physikalische Prozesse, die in Fusionsanlagen ohnehin auftreten. Damit erhält der aus der Fernsehserie bekannte Gedanke erstmals eine konsistente theoretische Grundlage. In „The Big Bang Theory“ bleibt der Versuch ein humorvoller Fehlschlag, weil die notwendigen physikalischen Details fehlen. Die neue Arbeit zeigt hingegen, dass das zugrunde liegende Konzept prinzipiell tragfähig sein könnte, wenn auch unter klar definierten Bedingungen. Zwischen Popkultur und Grundlagenforschung Der eigentliche Wert der Studie liegt weniger in einer unmittelbar bevorstehenden Entdeckung als in der Erweiterung des theoretischen Instrumentariums. Sollte sich der Ansatz in weiteren Berechnungen und Simulationen bestätigen, könnten Fusionsreaktoren künftig nicht nur als Energiequellen betrachtet werden, sondern auch als Laboratorien für fundamentale Physik. Sie würden damit eine neue Brücke zwischen angewandter Forschung und der Suche nach den Bausteinen des Universums schlagen. Zupan selbst verweist augenzwinkernd auf den Ursprung der Idee und merkt an, dass „Sheldon und Leonard die Rechnung nicht ganz zu Ende geführt haben“. Hinter dem humorvollen Ton steht jedoch ein ernstes Anliegen: Die Suche nach dunkler Materie erfordert kreative Wege, die etablierte Denkpfade verlassen. Der neue Ansatz zeigt, dass selbst scheinbar abwegige Ideen aus der Popkultur produktive Impulse liefern können, wenn sie mit den Werkzeugen moderner theoretischer Physik konsequent weitergedacht werden. via University of Cincinnati Teile den Artikel oder unterstütze uns mit einer Spende. Facebook Facebook Twitter Twitter WhatsApp WhatsApp Email E-Mail Newsletter