Das Ozonloch schließt sich langsamer als gedacht. Eine neue Studie zeigt, dass bestimmte Industriechemikalien, die vom wichtigsten internationalen Umweltabkommen zum Schutz der Ozonschicht ausgenommen sind, in weit größerem Umfang freigesetzt werden als bisher angenommen. Die Ergebnisse geben Anlass zur Sorge – und stellen eine Grundannahme des Montreal-Protokolls infrage.


Foto: Earth, Kevin Gill, Flickr, CC BY-SA 2.0

Ein Schlupfloch im Erfolgsmodell

Als die internationale Staatengemeinschaft 1987 das Montreal-Protokoll verabschiedete, galt es als wegweisend: Fluorchlor-Kohlenwasserstoffe (FCKW) und verwandte ozonzerstörende Substanzen wurden verboten oder stark eingeschränkt. Für eine Gruppe von Chemikalien galt jedoch eine Ausnahme: sogenannte Feedstock-Chemikalien. Dabei handelt es sich um halogenhaltige, ozonabbauende Verbindungen, die von der Chemieindustrie als Rohstoffe für die Herstellung moderner Kältemittel und chlorhaltiger Kunststoffe wie PVC benötigt werden. Ihre Freistellung beruhte auf der Annahme, dass kaum etwas davon in die Atmosphäre gelangen würde und die Produktion langfristig ohnehin sinken werde. Wie Atmosphärenforscher:innen der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (Empa) nun zeigen, war diese Einschätzung falsch.

Produktion verdoppelt, Emissionen vervielfacht

Stefan Reimann und sein internationales Team haben globale Atmosphärenmessungen mit den offiziell gemeldeten Produktionsmengen solcher Gase verglichen. Das Ergebnis ist deutlich: Statt der ursprünglich angenommenen 0,5 Prozent gelangen heute drei bis vier Prozent der weltweit produzierten Feedstock-Chemikalien in die Atmosphäre – durch Leckagen und unzureichende Abgasreinigung in Produktionsanlagen. Gleichzeitig ist die Produktion dieser Substanzen seit dem Jahr 2000 um rund 160 Prozent gestiegen. Treiber dieser Entwicklung sind zum einen die Herstellung moderner Kältemittel wie Hydrofluorolefine (HFO), zum anderen der wachsende Bedarf der Polymerindustrie: Fluorpolymere wie Teflon oder Polyvinylidenfluorid (PVDF) werden etwa in Lithium-Ionen-Batterien von Elektroautos eingesetzt – und für ihre Herstellung sind eben jene ozonschädlichen Ausgangsstoffe notwendig. „Diese Einschätzung stimmt aber schon länger nicht mehr„, sagt Reimann. „Feedstock-Chemikalien werden heute bei der Produktion, beim Transport sowie bei der Weiterverarbeitung in erhöhtem Maß freigesetzt und die derzeit produzierten Mengen sind deutlich größer als man vor 30 Jahren annahm.


Sieben Jahre Verzögerung und ein Klimaproblem

Die Konsequenzen sind doppelt problematisch. Modellrechnungen des Forschungsteams zeigen, dass sich die vollständige Erholung der Ozonschicht bei gleichbleibenden Emissionen von 2066 auf etwa 2073 verschieben würde. „Wenn sich die Schließung des Ozonlochs verzögert, könnte das zu vielen Hautkrebsfällen führen, die andernfalls vermeidbar wären„, so Reimann. Hinzu kommt ein Klimaeffekt: Die halogenhaltigen Verbindungen wirken als starke Treibhausgase. Ohne Reduktion könnten ihre Emissionen bis zur Mitte dieses Jahrhunderts einem Klimaeffekt von rund 300 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalenten pro Jahr entsprechen. Das wären etwa 0,8 Prozent der gesamten menschgemachten CO₂-Emissionen von 2024. Ein Großteil dieser Emissionen entsteht in Südostasien, vor allem in China. Ob und wie die Freisetzung eingedämmt wird, sei letztlich eine politische Entscheidung, betont Reimann. Das Montreal-Protokoll, so sein Fazit, müsse angesichts neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse regelmäßig überprüft und gegebenenfalls angepasst werden.

 

 

via Empa – Eidgenössische Materialprüfungs- und Forschungsanstalt 

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.