Klimaziele, strengere Emissionsvorgaben und steigender öffentlicher Druck setzen die internationale Schifffahrt zunehmend unter Zugzwang. Lange galt der batterieelektrische Antrieb dabei als Option für kleine Fähren und kurze Distanzen, während größere Schiffe weiterhin auf fossile Brennstoffe angewiesen schienen. In den vergangenen Jahren hat sich dieses Bild jedoch spürbar verschoben: Fortschritte bei Energiespeichern, Leistungselektronik und Leichtbau eröffnen neue Spielräume für elektrisch angetriebene Schiffe. Vor diesem Hintergrund entsteht derzeit ein Projekt, das viele bisherige Annahmen infrage stellt und als Testfall für die Zukunft des emissionsfreien Seeverkehrs dienen könnte. Bild: Incat Ein technologischer Sprung für den Schiffsantrieb Die 130 Meter lange Hull 096 markiert einen neuen Maßstab in der maritimen Technik. Das Schiff, das später unter dem Namen China Zorrilla in Dienst gehen soll, ist das bislang größte batterieelektrisch angetriebene Schiff der Welt und zugleich das größte elektrische Fahrzeug, das jemals gebaut wurde. Entwickelt wurde es von der australischen Werft Incat in Hobart und ist für den Fährbetrieb zwischen Uruguay und Argentinien über den Río de la Plata vorgesehen. Dort soll es künftig mehr als 2.000 Passagiere sowie über 220 Fahrzeuge transportieren. Das Herzstück des Katamarans ist ein vollständig batterieelektrisches Antriebssystem. Mehr als 5.000 Lithium-Ionen-Batteriemodule sind im Schiffskörper verbaut und bringen zusammen ein Gewicht von rund 250 Tonnen auf die Waage. Ihre Gesamtkapazität liegt bei über 40 Megawattstunden und übertrifft damit alle bislang in der Schifffahrt eingesetzten Batteriesysteme deutlich. Die gespeicherte Energie versorgt acht elektrische Wasserstrahlantriebe, die für Vortrieb und Manövrierfähigkeit sorgen. Robert Clifford, Vorsitzender von Incat, sprach in diesem Zusammenhang von einem „weltweit ersten Versuch, ein Schiff dieser Größenordnung vollständig batterieelektrisch zu betreiben“. Damit verbinde sich der Anspruch, nicht nur ein einzelnes Schiff zu bauen, sondern die Grenzen dessen zu verschieben, was im kommerziellen Schiffbau als realistisch gilt. Erprobung unter realen Bedingungen Nach dem erfolgreichen Hochfahren des elektrischen Antriebssystems Ende 2025 begann Anfang 2026 die praktische Erprobung des Schiffes. In den Gewässern rund um Hobart absolvierte Hull 096 erste sogenannte Harbour Trials, bei denen das Schiff unter eigenem batterieelektrischem Antrieb manövriert wurde. Getestet werden dabei nicht nur Geschwindigkeit und Steuerung, sondern auch das Zusammenspiel von Energiespeichern, Leistungselektronik und Bordtechnik. Diese Phase gilt als entscheidender Schritt auf dem Weg zur späteren Inbetriebnahme im Linienverkehr. Sie erlaubt es, das Verhalten des Systems unter realistischen Bedingungen zu analysieren und mögliche Anpassungen vorzunehmen, bevor das Schiff nach Südamerika überführt wird. Zugleich zeigen die Tests, dass sich großskalige Batteriesysteme sicher in den Schiffsbetrieb integrieren lassen, ohne auf konventionelle Antriebe zurückgreifen zu müssen. Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.Mehr erfahren Video laden YouTube immer entsperren Ist das die Zukunft der Schifffahrt? Das Projekt Hull 096 steht exemplarisch für einen breiteren Wandel in der maritimen Industrie. Zwar sind batterieelektrische Antriebe weiterhin vor allem für Kurz- und Mittelstrecken geeignet, doch die erfolgreiche Umsetzung eines derart großen Schiffes verschiebt die technischen und wirtschaftlichen Grenzen spürbar. Sie macht deutlich, dass emissionsfreier Betrieb nicht zwangsläufig mit kleinen Einheiten oder eingeschränkter Kapazität verbunden sein muss. Sollte sich das Konzept im regulären Betrieb bewähren, könnte es als Vorbild für weitere Projekte dienen und den Druck erhöhen, auch im internationalen Fähr- und Küstenschiffsverkehr stärker auf elektrische Antriebe zu setzen. Die China Zorrilla wäre damit nicht nur ein technologisches Einzelstück, sondern ein Symbol für eine mögliche Neuausrichtung der Schifffahrt hin zu nachhaltigen, lokal emissionsfreien Lösungen. via Incat Teile den Artikel oder unterstütze uns mit einer Spende. Facebook Facebook Twitter Twitter WhatsApp WhatsApp Email E-Mail Newsletter