Allein bei den Güterzügen der Deutschen Bahn kommt es jeden Tag zu rund 54.000 Kupplungsvorgängen. Bisher bestehen diese weitgehend aus Handarbeit: Ein Mitarbeiter zwängt sich zwischen die Waggons, hängt einen Haken ein, zieht ein Schraubengewinde straff und verbindet schließlich noch einige Luftschläuche der Bremse. Man kann sich vorstellen, dass es einige Zeit dauert, bis Güterzüge auf diese Weise entkoppelt und wieder zusammengesetzt sind. Aber auch im Güterverkehr gilt: Zeit ist Geld. Folgerichtig fuhr die Sparte DB Cargo in den letzten Jahren konstant Verluste ein. So fiel im vergangenen Jahr ein Fehlbetrag von 200 Millionen Euro an. In diesem Jahr wurde sogar mit einem Verlust von 350 Millionen Euro geplant. Durch die Corona-Krise dürfte dieser sogar noch einmal höher ausfallen.


Die Kupplungsvorgänge treiben die Kosten in die Höhe

Verantwortlich dafür ist vor allem das sogenannte Einzelwagengeschäft. Dabei buchen Unternehmen nur einen einzelnen Güterwaggon. Aus mehreren solcher Einzelbuchungen stellt die Bahn dann einen großen Güterzug zusammen. Weil aber natürlich nicht alle Kunden das selbe Ziel beliefern, müssen die verschiedenen Waggons unterwegs immer wieder neu zusammengestellt werden. Genau hier liegt das Problem: Aktuell ist dies zeitaufwändig und teuer. Auf der anderen Seite ist es aber auch so, dass nur über den Ausbau des Einzelwagengeschäfts mehr Warentransporte auf die Schiene verlagert werden können. Bei DB Cargo setzt man daher auf eine technische Innovation: Es soll eine automatische Kupplung etabliert werden, bei der eine Lok lediglich zwei Waggons zusammenschiebt und diese sich dann ohne weiteren Eingriff miteinander verbinden.


Vier automatische Systeme werden eingehend geprüft

Die dafür benötigte Technik ist auf dem Markt bereits vorhanden. Die Bahn hat sich daher mit den Zugbetreibern in Österreich und der Schweiz zusammengetan und will insgesamt vier solcher Systeme ausführlich testen. Dabei werden keine Kosten und Mühen gescheut. So sind sogar Testfahrten bei eisigen Temperaturen im Norden von Schweden geplant. Finanziert wird dies allerdings auch nicht von den Unternehmen selbst. Stattdessen übernimmt das Bundesverkehrsministerium die Kosten des Testprojekts in Höhe von 13 Millionen Euro. Ende nächsten Jahres wird dann entschieden, welches System zukünftig genutzt werden soll. Anschließend dürfte für die Manager dann die eigentliche Arbeit beginnen. Denn viele Güterzüge sind über Landesgrenzen hinweg aktiv. Eine Einführung würde sich also nur lohnen, wenn diese europaweit erfolgt.

Das neue System soll europaweit eingeführt werden

Damit aber wird das Projekt zu einer gigantischen Aufgabe. Denn aktuell gibt es europaweit rund 490 000 Güterwagen und 17 000 Lokomotiven, die dann alle entsprechend umgerüstet werden müssten. Die Kosten dafür werden auf 6,5 bis 8,5 Milliarden Euro geschätzt. Kein Bahnunternehmen in Europa dürfte in der Lage sein, solche Summen selbst zu stemmen. Stattdessen soll das Geld zum größten Teil von der Europäischen Union zur Verfügung gestellt werden. Tatsächlich gibt es von dort bereits erste Signale, dass dies im Zuge des „Green Deal“-Programms möglich sein könnte. Läuft alles nach Plan könnten sich die Güterzüge in Europa dann ab dem Jahr 2030 automatisch koppeln lassen. In diesem Fall, so stellt man bei DB Cargo in Aussicht, könnte sich das Einzelwagengeschäft verdreifachen und so helfen, zahlreiche LKW-Fahrten überflüssig zu machen.

Via: Süddeutsche Zeitung

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