Medikamente, die ursprünglich zur Behandlung von Diabetes entwickelt wurden und heute vor allem als sogenannte Abnehmspritzen bekannt sind, haben in den vergangenen Jahren enorme Aufmerksamkeit erhalten. Wirkstoffe aus der Gruppe der GLP-1-Rezeptoragonisten können den Appetit dämpfen, den Blutzuckerspiegel stabilisieren und dadurch Menschen mit Adipositas oder Typ-2-Diabetes helfen. Doch zunehmend berichten Patient:innen und Ärzt:innen von einem unerwarteten Nebeneffekt: Während der Behandlung scheint auch das Verlangen nach Alkohol, Nikotin oder anderen Suchtmitteln nachzulassen. Neue Forschungsergebnisse legen nun nahe, dass hinter diesen Beobachtungen mehr stecken könnte als bloßer Zufall.


Spritze mit zwei Tropfen
Foto: Syringe With 2 Drops, ZaldyImg, Flickr, CC BY-SA 2.0
Bild: Sara Moser / WashU Medicine

Ein überraschender Effekt auf Suchtverhalten

Ein Forschungsteam der Washington University School of Medicine hat untersucht, ob GLP-1-Medikamente tatsächlich mit einem geringeren Risiko für Suchterkrankungen verbunden sind. Grundlage der Analyse waren Gesundheitsdaten von mehr als 600.000 US-Veteranen mit Typ-2-Diabetes, die über mehrere Jahre hinweg beobachtet wurden. Die Studie verglich Personen, die GLP-1-Medikamente erhielten, mit Patient:innen, die andere Diabetesmedikamente einnahmen.

Die Ergebnisse zeigen ein konsistentes Muster: Menschen unter GLP-1-Therapie entwickelten seltener neue Abhängigkeitserkrankungen. Gleichzeitig traten bei Personen mit bereits bestehenden Suchterkrankungen weniger schwere Folgen auf, etwa Überdosierungen oder suchtbedingte Krankenhausaufenthalte. Insgesamt beobachteten die Forscher:innen pro 1.000 behandelte Patient:innen „sieben weniger neue Fälle von Substanzgebrauchsstörungen und zwölf weniger schwere suchtbezogene Ereignisse“.


Die beobachteten Effekte betreffen unterschiedliche Substanzen. Das Risiko für Abhängigkeiten von Alkohol, Nikotin, Cannabis, Kokain oder Opioiden war in der GLP-1-Gruppe deutlich niedriger als bei Vergleichspatient:innen.

Einfluss auf das Belohnungssystem

Die mögliche Erklärung für diesen Effekt liegt im Gehirn. GLP-1 ist ein Hormon, das im Körper eine Rolle bei der Regulation von Hunger und Stoffwechsel spielt. Medikamente, die diesen Signalweg nachahmen, wirken jedoch nicht nur im Verdauungssystem, sondern auch im zentralen Nervensystem.

Bestimmte GLP-1-Rezeptoren befinden sich in Regionen des Gehirns, die an Motivation, Impulskontrolle und Belohnungsverarbeitung beteiligt sind. Genau dort entstehen auch die neuronalen Mechanismen von Suchtverhalten.

Der Epidemiologe Ziyad Al-Aly, einer der leitenden Autoren der Studie, erklärt, dass dieser Bereich des Gehirns normalerweise für „Belohnungssignale, Motivation und Stress“ zuständig sei. Bei Suchterkrankungen werde dieses System jedoch gewissermaßen „gekapert“. Wenn GLP-1-Medikamente hier eingreifen, könnten sie daher sowohl das Verlangen nach Nahrung als auch nach Suchtmitteln abschwächen.

Frühere experimentelle Studien deuten ebenfalls darauf hin, dass GLP-1-Signalwege mit der Dopaminregulation verbunden sind – einem zentralen Mechanismus im Belohnungssystem des Gehirns.

Wirkung noch nicht nachgewiesen

Trotz der vielversprechenden Ergebnisse mahnen Fachleute zur Vorsicht. Die aktuelle Untersuchung basiert auf Beobachtungsdaten aus elektronischen Gesundheitsakten. Solche Analysen können Zusammenhänge aufzeigen, aber nicht endgültig beweisen, dass ein Medikament tatsächlich die Ursache eines Effekts ist.

Hinzu kommt, dass die untersuchte Gruppe überwiegend aus älteren Männern mit Diabetes bestand. Ob ähnliche Effekte auch bei jüngeren Menschen oder bei Personen ohne Stoffwechselerkrankungen auftreten, ist noch unklar. Weitere kontrollierte klinische Studien sind daher notwendig, um den möglichen therapeutischen Nutzen der Medikamente gegen Suchterkrankungen zu überprüfen.

Sollten sich die Ergebnisse bestätigen, könnten GLP-1-Wirkstoffe jedoch eine neue Perspektive für die Suchtmedizin eröffnen. Suchterkrankungen gelten weltweit als eines der größten gesundheitlichen und gesellschaftlichen Probleme, während neue pharmakologische Therapien nur selten entwickelt werden. Medikamente, die ursprünglich zur Behandlung von Stoffwechselkrankheiten konzipiert wurden, könnten somit unerwartet auch in einem ganz anderen medizinischen Bereich Bedeutung gewinnen.

via Washington University Medicine

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