Parodontitis, in der Alltagssprache oft Parodontose genannt, gehört zu den häufigsten entzündlichen Erkrankungen des Mundraums. Dabei rückt nicht nur das Zahnfleisch selbst in den Fokus, sondern das gesamte komplexe Gefüge des oralen Mikrobioms. Dieses besteht aus Hunderten von Bakterienarten, von denen die meisten harmlos oder sogar nützlich sind, einige jedoch die Entstehung von Entzündungen fördern. Klassische Mundpflegeprodukte und antiseptische Spülungen töten alle Mikroorganismen weitgehend ab, was zu einem Ungleichgewicht führen kann: Gerade pathogene Erreger wie Porphyromonas gingivalis, die bei entzündetem Gewebe besonders aggressiv wachsen, profitieren davon, während gesunde Bakterien benachteiligt werden. Infolge dieser Dysbiose kehren Entzündungen oft wieder und können im schlimmsten Fall zu Zahnverlust führen und systemische Beschwerden begünstigen.


Bild: PerioTrap / Fraunhofer-Gesellschaft

Was Paradontitis so schwer bekämpfbar macht

Traditionelle Produkte zur Bekämpfung von Zahnfleischerkrankungen basieren häufig auf allgemein wirkenden antimikrobiellen Substanzen wie Chlorhexidin oder alkoholhaltigen Lösungen. Diese eliminieren zwar auch krankheitsfördernde Keime, greifen dabei aber die gesamte mikrobielle Gemeinschaft im Mund an. Wenn nach dieser Desinfektion ein neuer Aufbau der Mikroflora beginnt, haben krankheitsauslösende Arten oft einen Startvorteil: Auf entzündetem Gewebe können sie sich besonders erfolgreich wieder ansiedeln, während empfindlichere, gesundheitsfördernde Mikroorganismen langsamer zurückkehren. Dieser Mechanismus erklärt, warum Parodontitis trotz regelmäßiger Pflege bei vielen Betroffenen chronisch wird.

Ein neuer Ansatz in der Parodontitis-Vorsorge und -Pflege zielt darauf ab, diesen Teufelskreis zu durchbrechen. Forschende des Fraunhofer-Instituts für Zelltherapie und Immunologie am Standort Halle identifizierten eine chemische Verbindung mit der Bezeichnung Guanidinoethylbenzylamino Imidazopyridine Acetat. Anders als herkömmliche Wirkstoffe tötet diese Substanz pathogene Bakterien nicht ab, sondern hemmt gezielt ihr Wachstum. Prof. Stephan Schilling, Leiter der molekularen Wirkstoffforschung am Fraunhofer-Institut, beschreibt die Wirkung so: „Sie tötet die Gingivitis-Erreger nicht einfach ab, sondern blockiert nur deren Wachstum. Sie können ihre giftige Wirkung nicht entfalten, und die gesunden Keime können ihnen sonst verwehrte Nischen besetzen.“ Dieser selektive Effekt soll das natürliche Gleichgewicht der Mundflora unterstützen und so eine stabile, gesundheitsfördernde Gemeinschaft von Mikroorganismen fördern.


Neue Zahnpasta wirkt gegen Paradontitis, ohne die Mundgesundheit anzugreifen

Die Entdeckung des Wirkstoffs ist Ergebnis jahrelanger Grundlagenforschung und internationaler Zusammenarbeit im Rahmen eines EU-Projekts. Aus dieser Arbeit ging 2018 das Spin-off PerioTrap Pharmaceuticals hervor, das in enger Kooperation mit dem Fraunhofer-Institut eine neuartige Zahnpasta auf dieser Basis entwickelte. Das Produkt integriert den neu identifizierten Inhaltsstoff in eine Formulierung, die auch Fluorid und mechanisch aktive Bestandteile enthält, wie sie für die tägliche Zahnpflege üblich sind. Ziel ist nicht nur die Behandlung, sondern vor allem die Vorbeugung von Parodontitis. Dr. Mirko Buchholz, Mitgründer von PerioTrap, betont, dass es sich bei dieser Zahnpasta um ein Präventionsmittel handelt, das zugleich die üblichen Funktionen einer Zahncreme erfüllt.

Technologische Hürden gab es viele: Der Wirkstoff musste nicht nur selektiv wirksam sein, sondern auch in einer Konsistenz und Konzentration formuliert werden, die sicher im Mund angewendet werden kann, keine toxischen Effekte zeigt und keine Verfärbungen an den Zähnen verursacht. In umfangreichen biochemischen und materialwissenschaftlichen Tests wurde die Verträglichkeit und Funktionalität der Inhaltsstoffe analysiert. Diese Tests orientieren sich an dem Qualitätssicherungssystem „Gute Laborpraxis“, was bedeutet, dass die Daten auch für behördliche Bewertungen anerkannt werden.

Neue Perspektiven für die Mundgesundheit

Neben der klassischen Zahnpasta wurde auf der gleichen technologischen Grundlage ein Pflege-Gel für die Anwendung nach professionellen Zahnreinigungen entwickelt. Dieses Gel soll die Mundflora nach der intensiven Reinigung stabilisieren und die erneute Besiedlung durch pathogene Bakterien verhindern. Darüber hinaus plant das Unternehmen, weitere Produkte wie Mundwasser auf Basis derselben Wirkstofftechnologie zu entwickeln. Auch Anwendungen für die tierische Zahnpflege – zum Beispiel bei Hunden und Katzen – sind Gegenstand aktueller Entwicklungen, da die Ursachen für Parodontitis bei Haustieren ähnlich sind wie beim Menschen.

Diese neuen Produkte markieren einen Schritt weg von der rein desinfizierenden hin zu einer mikrobiomorientierten Pflege. Indem gezielt pathogene Prozesse gehemmt werden, während die Vielfalt der Mikroorganismen erhalten bleibt, könnte sich perspektivisch die Prävention von Parodontitis ändern. Ob und in welchem Umfang sich dieser Ansatz langfristig in der alltäglichen Mundhygiene etabliert, wird von weiteren Studien und Anwendungen abhängen.

 

via Fraunhofer-Gesellschaft

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.