Der internationale Schiffsverkehr gehört zu den größten Quellen industrieller Treibhausgasemissionen. Konventionelle Schweröl-Motoren treiben Frachter, Tanker und Spezialschiffe an und stoßen große Mengen CO₂ aus. Angesichts steigender Klimaschutzziele sucht die maritime Branche nach Ersatztechnologien für fossile Brennstoffe. Eine besonders radikale Idee hat in jüngster Zeit aus Norwegen verstärkte Aufmerksamkeit erhalten: die Nutzung kleiner, hochentwickelter Kernreaktoren als Energiequelle für schwere Handelsschiffe. Dieser Ansatz wird vor allem im Rahmen des Forschungsprojekts NuProShip II untersucht und könnte die Grundlage für eine neue Generation emissionsarmer Schiffe legen.


Bild: VARD

Warum Kernreaktoren für die Schifffahrt relevant sind

Die Herausforderung der Dekarbonisierung in der Schifffahrt ist riesig. Ohne einen energiedichten, zuverlässigen Antrieb ist es kaum vorstellbar, dass große Frachter über tausende Seemeilen Emissionen deutlich reduzieren können. Alternative Kraftstoffe wie grüner Wasserstoff, Ammoniak oder Methanol stehen in nicht ausreichender Menge zur Verfügung und ihre Herstellung erfordert enorme Mengen elektrischer Energie, die derzeit global nicht ohne weiteres bereitstellbar ist. Gerade für Offshore-Versorger oder schwere Spezialschiffe ist daher ein Antrieb gefragt, der hohe Leistungen über lange Zeiträume liefert, ohne regelmäßig fossile Brennstoffe nachladen zu müssen. Hier setzen Konzepte für den Einsatz kleiner modularer Reaktoren an, die eine hohe Energiedichte und lange Betriebszeiten ohne Betankung versprechen.

Im NuProShip-II-Projekt wird untersucht, wie solche Reaktoren in kommerzielle Schiffe integriert werden könnten. Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass moderne Reaktorkonzepte grundsätzlich in der Lage sind, die hohen Anforderungen an Sicherheit und Redundanz zu erfüllen, die für dynamisch positionierte Schiffe gelten, wie sie häufig in Offshore-Einsatzgebieten betrieben werden. Als Referenzfall wurde ein Offshore-Konstruktionsschiff analysiert, dessen Energieversorgung auf einem heliumgekühlten Reaktor basiert. Dabei wurden sowohl das Schiffsdesign als auch Sicherheitskonzepte und Betriebsabläufe untersucht, um technische Grenzen und Risiken realistisch einzuschätzen.


Schifffahrt quasi ohne Emissionen

Ein wesentlicher Vorteil nuklearer Antriebssysteme liegt in ihrem nahezu emissionsfreien Betrieb. Ein einzelner Reaktor könnte ein Schiff über Jahre hinweg mit Energie versorgen, ohne dass Treibstoff nachgefüllt werden muss. Gleichzeitig würde der Platzbedarf im Vergleich zu konventionellen Antrieben sinken, da große Kraftstofftanks entfallen. Diese Kombination aus Reichweite, Leistungsfähigkeit und Energieeffizienz macht Kernenergie aus technischer Sicht besonders attraktiv für schwere und energieintensive Schiffstypen.

Henrik Burvang, Forschungs- und Innovationsmanager im NuProShip-II-Projekt, betont, dass es sich dabei nicht mehr nur um ein theoretisches Gedankenspiel handelt. „NuProShip II zeigt, dass kernkraftbetriebene Schiffe technisch realisierbar sind“, so Burvang. Dennoch bleiben zahlreiche Fragen offen. Dazu zählen insbesondere regulatorische Aspekte, da es bislang keinen umfassenden internationalen Rechtsrahmen für den zivilen Einsatz von Kernreaktoren auf Handelsschiffen gibt. Bestehende Vorschriften sind überwiegend auf militärische Nutzung oder stationäre Anlagen an Land zugeschnitten.

Hinzu kommen gesellschaftliche und politische Vorbehalte gegenüber der Kernenergie. Sicherheitsbedenken, Fragen des Strahlenschutzes sowie mögliche Umweltfolgen im Fall von Unfällen spielen eine zentrale Rolle in der öffentlichen Wahrnehmung. Die Projektpartner sehen deshalb Transparenz und frühzeitige Kommunikation als entscheidende Voraussetzungen, um Akzeptanz für solche Konzepte zu schaffen.

Sind nukleare Antriebe die Zukunft der Schifffahrt?

NuProShip II ist als zeitlich begrenztes Forschungsprojekt angelegt und soll in den nächsten Jahren abgeschlossen werden. Daran anschließend ist mit dem Forschungszentrum SFI SAINT ein langfristiges Programm geplant, das sich über mehrere Jahre mit der Weiterentwicklung nuklearer Antriebssysteme für die Schifffahrt befassen soll. Ziel ist es, technologische, sicherheitsrelevante und regulatorische Fragestellungen gemeinsam zu bearbeiten.

Ob kernkraftbetriebene Handelsschiffe tatsächlich Teil der zukünftigen Flotten werden, ist derzeit noch offen. Zwar deuten die bisherigen Studien darauf hin, dass die Technologie prinzipiell machbar ist, doch wirtschaftliche Rahmenbedingungen, rechtliche Vorgaben und gesellschaftliche Akzeptanz werden entscheidend sein. Sollte es gelingen, diese Hürden zu überwinden, könnten nukleare Antriebe einen Beitrag zur Reduktion der globalen Emissionen leisten, der mit anderen Technologien nur schwer zu erreichen wäre.

 

via VARD

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