Das Smartphone ist längst Ausgangspunkt für zahllose Aufgaben geworden – und mit einer Marktdurchdringung von aktuell 86 Prozent aller Zielgruppen ab 14 auch in Deutschland hochbeliebt. Nur beim Thema Mobile Payment sind die Deutschen zurückhaltender – doch warum? 97,3 Prozent der 14- bis 19-Jährigen. 98,1 Prozent der 20- bis 29-Jährigen. 97,8 Prozent der 30- bis 39-Jährigen und danach weiterhin mindestens 90 Prozent bis die Ü60er mit 82,1 und die Ü70er mit 52,1 Prozent den Schnitt herabziehen. Angesichts dieser Penetrationszahlen, welche aus der aktuellen VuMA-Touchpoints-Studie hervorgehen, ist es absolut probat, von „Deutschland, einig Smartphone-Land“ zu sprechen.


NFC ist mittlerweile Standard

Allerdings offenbart die gleiche Studie auch noch etwas anderes. Die Frage lautete:


„Nutzen Sie die Funktion des kontaktlosen Bezahlens, sei es per Geldkarte
(Girocard oder Kreditkarte) oder per Smartphone/Smartwatch?“

Obwohl von den so verbreiteten Smartphones ein Großteil die nötige NFC-Technik mitbringt, obwohl die Banken und Kreditkartenfirmen seit Jahren einen großangelegten Rollout von NFC-fähigen Karten betreiben, antworteten lediglich 36,3 Prozent der Befragten mit „Ja“, wohingegen 59,9 Prozent „Nein“ sagten.

An der Durchdringung mit den nötigen Geräten kann es nicht liegen; auch die allermeisten Zahlterminals in Geschäften beherrschen Mobile Payment. Doch woran liegt es dann? Dafür gibt es mehrere Gründe.

Deutschland und die Sicherheit

Deutsche sind nicht per se technikfeindlich. Eine derartige Unterstellung wäre nicht nur grob verallgemeinernd, sondern falsch. Was allerdings stimmt ist, dass viele Deutsche einen überaus großen und konservativen Fokus auf das Thema Sicherheit legt – deutlich größer, als es in anderen Nationen der Fall ist und sich auch auf das Thema Digitalität erstreckend.

Ex-Bundespräsident Joachim Gauck diagnostizierte erst 2020, dass den Deutschen Sicherheit wichtiger sei als Freiheit. Woher dieses enorme Sicherheitsbedürfnis zwischen Rhein und Oder kommt, darüber streiten sich verschiedene Wissenschaftsdisziplinen. Fakt ist nur, dass es direkt dafür verantwortlich ist, warum sich auch Mobile Payment hierzulande langsamer durchsetzt als in anderen Nationen.

Bei einer PwC-Umfrage anno 2019 gaben beispielsweise 77 Prozent der befragten Deutschen (und auch Österreichern und Niederländern) unumwunden zu, Sorge davor zu haben, dass ihr Handy gestohlen und für unerlaubte Zahlungen genutzt werden könnte. Zwar gab es in anderen Nationen noch höhere Reserviertheit; dem gegenüber stehen jedoch beispielsweise Länder wie die USA. Dort nutzten 2020 allein 30,6 Prozent aller Smartphone-Besitzer Mobile Payment – wobei die kontaktlosen Zahlungsfunktionen von Karten noch hinzuaddiert werden müssen. Platz 6 auf der Weltrangliste des mobilen Zahlens.

Noch deutlicher wird die Differenz zu Deutschland beim Blick nach Asien. Hier ist das Bezahlen per Smartphone mit Penetrationsraten von deutlich mehr als 50 Prozent längst auf dem allerbesten Weg, zur wichtigsten Zahlungsmethode überhaupt zu werden.

Nicht, dass man sich in diesen Ländern weniger um Sicherheit sorgen würde. Bloß geschieht es dort in einem eher der Realität entsprechenden Maß. Denn Tatsache ist, dass Mobile Payment von allen Seiten als sehr sicheres Zahlungsmittel entwickelt wurde und auch als solches in Expertenkreisen anerkannt ist. Selbst im Falle eines Geräteverlusts ist Sicherheit gewährleistet, indem die verknüpften Karten gesperrt, die Wallets aus der Distanz blockiert werden können.

Realistisch betrachtet gibt es deshalb sogar ein Sicherheitsplus gegenüber den meisten anderen Zahlungsarten – bloß liegt es an den deutschen Smartphone-Besitzern, diese Erkenntnis aufzunehmen. Auch die Ersteller der oben genannten PwC-Umfrage sagen unumwunden:

„Mobile Payment hat auch hierzulande [Deutschland] großes Potenzial – sofern es den Anbietern gelingt, Sicherheitsbedenken zu adressieren und die Vorteile herauszustellen.“

Deutschland und die Überalterung

Es mag trivial wirken, Überalterung als Grund für alle möglichen Missstände heranzuziehen. Im Fall des Bezahlens per Handy jedoch ist es in der Tat und erwiesenermaßen ein weiterer bedeutender Grund, warum es schleppend vorangeht.

Deutschland liegt an Platz 5 derjenigen Länder mit dem höchsten Durchschnittsalter – 45,7 Jahre sind die Deutschen im Schnitt alt. An diesem Punkt seien nochmals die Zahlen aus dem Eingangstext ins Gedächtnis gerufen: Jenseits der 49 geht die Penetrationsrate mit Smartphones bergab. Gleiches gilt auch für die Affinität zu anderen digitalen Produkten bzw. Nutzungen.

Hier kommt nun hinzu, dass Menschen über 40 aktuell 47,25 Prozent der gesamten Bundesbevölkerung stellen. Und mit jedem Jahr, das vergeht, wird ihr prozentualer Anteil größer, weil…

  • …weniger Kinder geboren werden.
  • …die Medizin immer besser wird und somit ein noch höheres Lebensalter ermöglicht bzw. in den höheren Altersgruppen den Tod durch Krankheiten hinauszögert.

Addiert man zu dieser Bevölkerungsstatistik noch hinzu, dass Deutschland keine so tiefe Digitalkultur wie andere Nationen hat, erhält man einen großen Anteil von Einwohnern, die aktuell nur auf einer relativen „digitalen Basis“ leben. Sie nutzen zwar das Smartphone, auch vielleicht Streamingdienste und Ähnliches. Beim Bezahlen ist die Digitalisierung für sie jedoch noch das sprichwörtliche Neuland. Zudem weiß zumindest die Wissenschaft, dass die Bereitschaft, Neues zu nutzen, mit steigendem Alter sinkt.

Der Gegenbeweis: Klammert man explizit alle älteren Gruppen aus, steht Deutschland in Sachen Mobile Payment überraschend gut dar. Etwa die Hälfte aller Deutschen unter 30 bezahlt gerne und regelmäßig per Smartphone. Warum? Weil es sich um digital Natives handelt, die deutlich weniger Berührungsängste haben. Gäbe es in Deutschland mehr solche Menschen, sähe auch die Nutzungsstatistik anders aus.

Deutschland und der E-Commerce

„Des einen Freud ist des anderen Leid“

Dieser alte Spruch hat auch in digitalen Belangen eine Daseinsberechtigung und erstreckt sich auch auf Mobile Payment.

Hierzu muss betrachtet werden, was der primäre Einsatzzweck des Zahlens per Smartphone ist: der Kauf in Ladengeschäften sowie das Bezahlen in anderen stationären Betrieben. Selbst wenn Wallets natürlich auch online zum Einsatz kommen können, so ist das Zücken des Handys an der Kasse von Supermarkt und Co. der ureigenste Einsatzzweck.

An diesem Punkt gereicht es der mobilen Zahlung zum Nachteil, dass die Deutschen eine Nation der Online-Käufer sind. Tatsächlich liegt das Land aktuell sogar auf Platz 5 der bedeutsamsten E-Commerce-Märkte des Planeten. Online-Handel hat hierzulande einen Anteil von sehr beachtlichen 8,4 Prozent der gesamten Einzelhandelsumsätze – in Europa stehen nur die Briten darüber und auch global haben nur drei Länder einen noch größeren Anteil am Gesamtumsatz.

Ein deutlicher Nachteil für das Mobile Payment. Denn die Deutschen haben sich längst mit PayPal, Kreditkartendaten, Abbuchungen und den zahllosen anderen etablierten Zahlungsmöglichkeiten arrangiert. Es gibt für viele also keinen echten Grund, sich ein Wallet aufs Handy zu laden, um darüber Online-Käufe abzuwickeln.

Hinzu kommt, dass die Deutschen auch bei Käufen im stationären Handel eine konservative Vorgehensweise pflegen. Noch 2019 fand der Bankenverband heraus, dass 45 Prozent aller stationären Einkäufe mit Bargeld bezahlt wurden – mit nur recht geringen Schwankungen durch die verschiedenen Altersgruppen.  Andere Studien widmeten sich zudem den Beträgen. Auch hierbei wird Mobile Payment durch die „deutsche Natur“ benachteiligt. Denn bis zu Kaufsummen von etwa 50 Euro tendiert die große Masse aller Deutschen dazu, ausschließlich Scheine und Münzen zu nutzen.

Das ist deshalb für Mobile Payment ein Problem, weil das Segment bis hinauf zu mittleren zweistelligen Beträgen dasjenige ist, in dem die Mobile-Payment-Akteure mit dem Vorteil der nicht nötigen PIN-Eingabe und somit einem sehr komfortablen, schnellen Bezahlen werben können. Darüber muss auch bei der Smartphone-Bezahlung eine Verifizierung erfolgen – nur da zücken die meisten Deutschen (aktuell noch) lieber die Giro- oder Kreditkarte.

Allerdings deuten erste Zahlen darauf hin, dass hier die derzeitige Pandemielage mittelfristig für einen deutlichen und unerwartet raschen Wandel sorgen könnte – denn in einer Zeit, in der auch die Deutschen auf die harte Tour lernen mussten, wie Übertragungswege funktionieren, büßte das Bargeld binnen weniger Monate beträchtlich an der sonst so hohen Beliebtheit ein, das gibt sogar die Bundesbank etwas zerknirscht zu.

Die Gewinner im stationären Handel? Alles, was weder in Scanner-Schlitze gesteckt werden muss und auch nicht bedingt, von Zigtausenden berührte PIN-Eingabefelder anzufassen. Also kontaktloses Zahlen und somit Payment per Smartphone.

Wie sich dieser Trend künftig noch verhalten wird, lässt sich natürlich nicht seriös prophezeien. Gut möglich ist jedoch, dass viele Deutschen auf diese Weise lernen, sich mit Mobile Payment zu arrangieren – und wenn erst einmal unbegründete Sorgen durch reine Unkenntnis abgebaut sind, bleiben typischerweise die meisten Menschen bei etwas Neuem. Dementsprechend könnten die Statistiken zum Mobile Payment schon in den kommenden Monaten und Jahren gänzlich anders aussehen.

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1 Kommentar

  1. Martin Herms

    6. März 2021 at 10:22

    Bezahlen per Handy und FaceID war eine tolle Sache – bis man coronabedingt Masken tragen musste und die FaceID dadurch nicht mehr funktioniert.
    Jetzt bleiben nur noch Geräte mit Fingerabdruck-Sensor übrig – aber selbst Apple hat nur noch 1 iPhone mit dieser Technik im aktuellen Programm.
    Schade – zumindest derzeit.
    Martin aus Mannheim

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