Die Namensgebung lässt wenig Raum für Spekulation. Wie das russische Staatsfernsehen berichtet, soll der neu entwickelte Corona-Impfstoff den Namen „Sputnik V“ erhalten. Die Anspielung ist eindeutig: Im Jahr 1957 schockte die Sowjetunion den Westen, indem es ihr als erster Nation überhaupt gelang, einen Satelliten ins All zu schießen. Bis heute wird dieser Moment in westlichen Ländern als Sputnikschock bezeichnet. Offensichtlich will Russland nun an diese große Historie anknüpfen. Auf den ersten Blick scheint man tatsächlich der Welt mal wieder einen Schritt voraus zu sein. Denn als erster Staat überhaupt erteilte Russland eine Zulassung für einen Impfstoff gegen das Coronavirus SARS-CoV-2. Schaut man allerdings ein wenig genauer hin, kommen doch Zweifel auf an der vermeintlichen Erfolgsgeschichte. Doch zunächst wollen wir uns mit den positiven Aspekten beschäftigen.


Der Impfstoff wurde von renommierten Forschern entwickelt

Entwickelt wurde der Impfstoff am staatlichen Gamaleya-Institut für Epidemiologie und Mikrobiologie in Moskau. Dort arbeiten weltweit angesehene Wissenschaftler. Die Entwicklung des Impfstoffs kommt also nicht einfach aus dem Nichts, sondern basiert auf jahrelanger Forschungsarbeit und hoher Expertise vor Ort. Die Forscher haben sich zudem für den Ansatz eines sogenannten adenovirus-basierten Vektorimpfstoffes entschieden. Vereinfacht ausgedrückt wird dabei ein sich nicht reproduzierender Adenovirus in Form des Spike-Proteins an der Spitze des Coronavirus in menschliche Zellen eingeschleust. Im besten Fall erzeugt dies eine Antwort des Immunsystems und die Bildung von Antikörpern. Auch dieser Ansatz ist nicht vollständig neu, sondern wird auch bei vielen anderen Impfstoff-Projekten genutzt. Erste Tests erwiesen sich zudem bereits als erfolgreich. So bildete sich bei rund fünfzig freiwilligen Probanden tatsächlich die gewünschte Immunität aus.


Impfstoffe müssen drei Testphasen durchlaufen

International hagelt es dennoch Kritik an der frühzeitigen Zulassung. So sah sich die Weltgesundheitsorganisation (WHO) veranlasst, noch einmal zu betonen: „„Jeder Impfstoff muss natürlich alle Versuchsreihen und Tests durchlaufen, bevor er genehmigt und ausgeliefert wird.“ Der Hintergrund: Im Normalfall durchläuft ein Impfstoff drei Phasen der Erprobung:

  • In Phase I nehmen nur wenige gesunde Probanden teil. Hier soll geschaut werden, ob relevante Sicherheitsfragen auftreten und ob der Wirkstoff sich im Körper tatsächlich wie gewünscht verhält.
  • In Phase II erhöht sich die Teilnehmerzahl. Nun wird untersucht, ob der Impfstoff tatsächlich wirkt und welche Dosierung den größtmöglichen Schutz bietet.
  • In Phase III steigt die Zahl der Teilnehmer in den vierstelligen Bereich. Nun wird noch einmal die Wirksamkeit auf breiter Basis überprüft. Außerdem wird nach möglicherweise nur selten auftretenden Nebenwirkungen sowie Wechselwirkungen mit anderen Erkrankungen oder Medikamenten geschaut.

Eine frühzeitige Zulassung bringt Gefahren mit sich

Folgt man den bereits veröffentlichten Ergebnissen, hat der russische Impfstoff nun lediglich die ersten beiden Phasen durchlaufen. Etwas drastisch ausgedrückt bedeutet dies: Aktuell steht noch nicht fest, ob der Impfstoff tatsächlich bei allen Teilen der Bevölkerung wirkt und ob er nicht doch schwere gesundheitliche Nebenwirkungen mit sich bringen kann. Die Gefahr dabei liegt auf der Hand: Erweist sich der Impfstoff als nicht so gut wie gedacht, werden zwei unerwünschte Effekte erreicht. Zum einen wiegt sich die Bevölkerung zunächst in falscher Sicherheit und reduziert die sonstigen Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie. Zum anderen könnte ein solcher Skandal langfristig die Impfmüdigkeit erhöhen. Nachgewiesen wurde dies zuletzt auf den Philippinen. Dort kam ein Impfstoff gegen das Dengue-Fieber zum Einsatz, der sich als nicht so wirksam wie versprochen erwies. Anschließend sank die Impfrate – und zwar auch bei den längst erprobten Impfungen gegen Polio oder die Masern.

Weltweit laufen bereits zahlreiche Tests an Probanden

Außerhalb von Russland haben die meisten Staaten zwar die Zulassungsprozesse beschleunigt. So können die verschiedenen Phasen teilweise parallel durchgeführt werden. An den grundsätzlichen Sicherheitsstandards wurde allerdings nicht gerüttelt. Dennoch besteht durchaus Hoffnung, dass auch hier bald ein Wirkstoff zur Verfügung steht. Weltweit gibt es den Angaben der WHO zufolge mehr als 160 Impfstoff-Projekte gegen das Coronavirus. Mindestens drei davon befinden sich in Deutschland. Immerhin 25 Projekte testen ihren Impfstoff auch bereits an freiwilligen Probanden, wobei man sich teilweise bereits in Phase 3 befindet. In Deutschland ist dann das Paul-Ehrlich-Institut für die Zulassung von Impfstoffen zuständig. Dessen Präsident Klaus Cichutek ist durchaus optimistisch: Wenn die Daten aus den Phase-III-Tests positiv ausfallen, könnte bereits Ende dieses Jahres eine Zulassung erteilt werden, so der Wissenschaftler.

Via: NY Times

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