Die Chemie-Community steht selten still, aber hin und wieder knallt ein Ergebnis wie ein unerwarteter Donnerschlag durch’s Fachgebiet. Im Februar 2026 wurde ein solcher Moment erreicht: Forscher:innen haben ein siliziumbasiertes Ringmolekül konstruiert, das nicht nur existiert, sondern auch als aromatisch gilt — ein Begriff, der Chemiker:innen seit über einem Jahrhundert fasziniert.


Aromatische Moleküle zeichnen sich durch eine ungewöhnliche Stabilität aus, die von einem konzertierten „Elektronen-Sozialismus“ in einem Ring herrührt. Klassische Beispiele wie Benzol oder das Cyclopentadienid-Ion besitzen delokalisierte π-Elektronen, die sich über die Ringstruktur erstrecken und dem Molekül besondere chemische Eigenschaften verleihen. Derartige Stabilität folgt quantenmechanischen Regeln, die im 20. Jahrhundert von Erich Hückel beschrieben wurden: Ein Ring gilt dann als aromatisch, wenn eine bestimmte Anzahl von π-Elektronen (meist nach der sogenannten 4n + 2-Regel) gleichmäßig um den Ring verteilt ist und so die Gesamtenergie des Systems senkt.

Bild: Thorsten Moor, Universität des Saarlandes

Silizium-Aromaten existierten lange nur in der Theorie

In organischen Molekülen mit Kohlenstoff als Grundbaustein ist Aromatizität ein vertrautes Konzept. Doch sobald man in der Periodentabelle eine Stufe tiefer nach unten schaut, zu Silizium, wird die Lage komplizierter. Siliziumatome sind größer als Kohlenstoffatome und haben andere energetische Eigenschaften, was dazu führt, dass ausgedehnte π-Elektronensysteme vergleichsweise instabil sind. Die Bildung delokalisierter π-Elektronensysteme über mehrere Siliziumzentren war deshalb lange Zeit eine isolierte theoretische Idee oder erschien nur unter extremen Bedingungen möglich. Zwar konnten Siliziumanaloga von sehr kleinen aromatischen Ringen erzeugt werden, etwa Dreiring-Systeme, die als Analoga des Cyclopropenyl-Kations gelten, doch größere Ringe mit echter Hückel-Aromatizität blieben Jahrzehnte lang ungelöst.


Der Durchbruch: Pentasilacyclopentadienid

Dieses Szenario hat sich nun geändert. An der Universität des Saarlandes gelang es einem Team um Professor David Scheschkewitz gemeinsam mit seinem Doktoranden Ankur sowie Kristallograph:in Bernd Morgenstern, ein Molekül namens Pentasilacyclopentadienid zu synthetisieren, das fünf Siliziumatome zu einem Ring verbunden enthält und nachweislich aromatische Eigenschaften aufweist.

Das Pentasilacyclopentadienid ist ein Silizium-Analogon des klassischen Cyclopentadienid-Ions aus der organischen Chemie. Der entscheidende Unterschied besteht darin, dass hier Silizium- statt Kohlenstoffatome den Ring bilden. Trotz aller Herausforderungen zeigt dieses Molekül delokalisierte Elektronen über den Ring, was experimentell durch spektroskopische Charakterisierungen bestätigt wurde und auf aromatische Stabilität hinweist. Der Aufbau wurde detailliert durch Röntgenstrukturanalyse aufgeklärt und in der renommierten Fachzeitschrift Science publiziert.

Professor Scheschkewitz brachte es auf den Punkt: „Dieses Molekül war eine meiner Traumverbindungen – die Idee begleitete mich durch meine gesamte unabhängige Karriere.“ Diese Aussage unterstreicht nicht nur die wissenschaftliche Bedeutung, sondern auch die lange, von Rückschlägen geprägte Forschungsreise hin zu diesem Ergebnis.

Parallel zur saarländischen Gruppe gelang es Forscher:innen an der Tohoku University in Japan, unabhängig eine sehr ähnliche Verbindung herzustellen und zu charakterisieren. Beide Teams einigten sich darauf, ihre Ergebnisse gleichzeitig in Science zu veröffentlichen, was die globale Relevanz dieses Fortschritts unterstreicht.

Verfahren ist auch für die Industrie von Interesse

Aromatische Systeme sind nicht nur ein faszinierendes chemisches Konzept, sondern bilden in der Industrie die Grundlage für zahlreiche Anwendungen, etwa in Katalysatoren für Polymerisationen oder als Bausteine für funktionelle Materialien. Silizium ist ein allgegenwärtiges Element in der Technologie – von Halbleitern bis zu Hochleistungsmaterialien – doch seine Rolle in π-Elektronensystemen war bislang sehr begrenzt. Die Fähigkeit, Silizium in aromatische Strukturen zu zwingen, könnte neue Wege zu Materialien mit bislang nicht gekannten Eigenschaften eröffnen, die etwa elektronische oder katalytische Anwendungen neu denken.

Die Synthese von Pentasilacyclopentadienid markiert daher nicht nur einen Meilenstein in der Grundlagenforschung, sondern legt auch den Grundstein für ein erweitertes Verständnis der chemischen Möglichkeiten schwererer Elemente jenseits des klassischen Kohlenstoffuniversums. Es bleibt spannend zu beobachten, wie diese neuen Silicium-Aromaten weiterentwickelt werden und welche technologischen Türen sie öffnen könnten.

via Universität des Saarlandes

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