Es klingt eigentlich wie eine Binsenweisheit, ist aber in der Medizin ein oft vernachlässigter Faktor: Jeder Mensch ist unterschiedlich. Dementsprechend fällt auch die Wirkung von Medikamenten verschieden aus. Trotz zahlreicher klinischer Studien lässt sich daher oft nicht sagen, ob ein Wirkstoff tatsächlich hilft oder vor allem für unerwünschte Nebenwirkungen sorgt. Eine Initiative in Berlin namens „Future Health“ will dies nun ändern. Der Plan: Von den Patienten werden sogenannte digitale Zwillinge angelegt. Als Basis dazu dient die Analyse des kompletten Erbguts. Anschließend ist der Arzt in der Lage, die geplante Behandlung bereits im Vorfeld am Computer zu simulieren. Im Idealfall kann er so das wirksamste Medikament mit den wenigsten Nebenwirkungen ermitteln.


Das ideale Krebsmedikament kann individuell bestimmt werden

Im Rahmen einer Studie namens Treat20Plus wird dieser Ansatz nun erstmals bei Krebspatienten ausprobiert. Dazu haben die Forscher ein Computermodell programmiert, das sich auf 800 Gene und 45 biochemische Signalwege konzentriert. Diese sind für die Teilung und das Sterben der Zellen verantwortlich – und somit entscheidend für die Entstehung von Tumoren. Diese Daten werden individuell für jeden Patienten erfasst. Gleichzeitig existiert eine Datenbank mit rund 300 molekularen Medikamenten, die gezielt in die biochemischen Abläufe eingreifen können, um den Tumor zu bekämpfen. Im Idealfall ist der Computer nun in der Lage, zu sagen, welcher Wirkstoff bei einem konkreten Patienten die höchste Erfolgswahrscheinlichkeit mit sich bringt. Dadurch könnte der Kampf gegen den Krebs deutlich zielgerichteter ablaufen als bisher.


Die Technologie steht noch ganz am Anfang

Langfristig lässt sich der Ansatz aber auch auf viele weitere medizinische Aspekte übertragen. Wurde erst einmal ein digitaler Zwilling erschaffen, können damit fast alle Medikamente und Therapien simuliert werden. Neue Medikamente könnten zudem am Computer getestet werden, sodass aufwändige Zulassungsstudien und Tierversuche nicht mehr nötig wären. Sogar Sportler könnten profitieren, indem etwa verschiedene Ernährungsansätze virtuell ausprobiert werden. Bisher allerdings handelt es sich noch um eine experimentelle Therapie. Es wurde also noch nicht der Nachweis erbracht, dass durch die vom Computer ermittelten Medikamente tatsächlich die Erfolgschancen der Krebsbehandlung steigen. Dies liegt an der niedrigen Zahl der bisher behandelten Patienten und an der Tatsache, dass die Technologie noch in den Kinderschuhen steckt. Das Potential ist allerdings gewaltig.

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