Arteriosklerose zählt weltweit zu den häufigsten Ursachen für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und entwickelt sich meist über Jahrzehnte hinweg unbemerkt. Lange galt sie vor allem als Folge eines gestörten Fettstoffwechsels, bei dem sich Cholesterin in den Gefäßwänden ablagert und die Arterien zunehmend verengt. Inzwischen zeichnet sich jedoch ein deutlich komplexeres Bild ab. Forschungen der vergangenen Jahre zeigen, dass Arteriosklerose in hohem Maße eine entzündliche Erkrankung ist, bei der das Immunsystem eine zentrale Rolle spielt. Immunzellen wandern in die Gefäßwand ein, verändern dort ihre Eigenschaften und tragen aktiv zum Wachstum und zur Destabilisierung gefährlicher Plaques bei. Diese Erkenntnis hat das Interesse an neuen Therapieansätzen geweckt, die nicht mehr allein auf Blutfettwerte zielen, sondern gezielt in immunologische Prozesse eingreifen.


Bild: Junedh Amrute, Washington State University

Immuntherapie als Ansatz: von der Idee zur Praxis

Traditionell kennt die Medizin Immuntherapien vor allem aus der Onkologie, wo sie das Immunsystem befähigen, Tumorzellen zu erkennen und zu bekämpfen. Neuere Studien deuten nun darauf hin, dass ähnliche Konzepte auch bei Arteriosklerose greifen könnten. In einer aktuellen Untersuchung setzten Forscher:innen gezielt entwickelte Antikörper ein, um bestimmte Zelltypen innerhalb atherosklerotischer Plaques in Mäusen anzugreifen. Im Fokus standen sogenannte modulierte glatte Muskelzellen, die sich im Verlauf der Erkrankung stark verändern und entzündliche Prozesse in der Gefäßwand antreiben. Durch die Antikörper wurden diese Zellen für das Immunsystem sichtbar gemacht und gezielt eliminiert.

Die Ergebnisse waren bemerkenswert: Die behandelten Tiere zeigten eine deutliche Abnahme der Plaquegröße sowie eine Verringerung entzündlicher Marker in den Gefäßwänden. Gleichzeitig nahm die Stabilität der verbleibenden Plaques zu, was das Risiko eines plötzlichen Aufreißens und damit akuter Gefäßverschlüsse reduziert. Eine der beteiligten Forscher:innen betonte, dass es erstmals gelungen sei, gezielt jene Zellpopulationen anzugehen, die maßgeblich zur Gefährlichkeit von Plaques beitragen, ohne das gesamte Immunsystem zu unterdrücken.


Präzisionsansätze: gezielte Steuerung von Immunzellen

Parallel zu diesen Arbeiten verfolgen andere Forschungsteams Strategien, die weniger auf das Entfernen von Zellen, sondern auf deren funktionelle Umprogrammierung abzielen. Ein Ansatz nutzt regulatorische T-Zellen, die normalerweise entzündungshemmend wirken. Diese Zellen wurden gentechnisch so verändert, dass sie spezifische Bestandteile oxidierter LDL-Partikel erkennen, die in atherosklerotischen Plaques besonders häufig vorkommen. Durch diese gezielte Erkennung wandern die modifizierten Zellen bevorzugt in die betroffenen Gefäßabschnitte ein und entfalten dort ihre entzündungsdämpfende Wirkung.

In Tiermodellen führte dieser Ansatz zu einer ausgeprägten Reduktion der Plaquebildung und zu einer veränderten Zusammensetzung der Immunzellen innerhalb der Gefäßwand. Statt pro-entzündlicher Signale dominierten zunehmend regulierende Mechanismen. Die Forscher:innen berichteten, dass sich nicht nur das Ausmaß der Ablagerungen verringerte, sondern auch deren Struktur stabiler wurde. Entscheidend war dabei, dass keine Hinweise auf eine generelle Schwächung der Immunabwehr auftraten, was bei systemischen Immuntherapien eine zentrale Sorge darstellt.

Vom Tiermodell zur klinischen Perspektive

Trotz der vielversprechenden Ergebnisse befindet sich die immunologische Behandlung der Arteriosklerose noch in einem frühen Entwicklungsstadium. Die Erkrankung verläuft beim Menschen deutlich komplexer als in Tiermodellen, und Eingriffe in das Immunsystem bergen potenzielle Risiken. Insbesondere muss sorgfältig geprüft werden, ob langfristige Veränderungen der Immunantwort unerwünschte Nebenwirkungen wie Infektanfälligkeit oder Autoimmunreaktionen nach sich ziehen.

Dennoch markieren die aktuellen Studien einen wichtigen Richtungswechsel. Statt Arteriosklerose ausschließlich als Stoffwechselproblem zu betrachten, rückt sie zunehmend als immunologisch gesteuerte Erkrankung in den Fokus. Eine der Studienautor:innen fasste dies mit den Worten zusammen, man beginne erst zu verstehen, wie gezielt Eingriffe in die Immunarchitektur der Plaques den Krankheitsverlauf beeinflussen können. Sollten sich diese Ansätze in klinischen Studien bestätigen, könnten sie künftig bestehende Therapien ergänzen und neue Möglichkeiten eröffnen, das Fortschreiten der Erkrankung nicht nur zu bremsen, sondern aktiv zu beeinflussen.

 

via Washington University Medicine

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